Kommentar

Treffen von Merkel und Söder Eine königliche Inszenierung

Stand: 14.07.2020 17:34 Uhr

Er will die Nachfolge von Angela Merkel nicht antreten - das betont Markus Söder immer wieder. Die Bilder aus Bayern sprechen aber eine andere Sprache. Fast schien es schon die vorzeitige Krönung.

Ein Kommentar von Sabine Henkel, ARD-Hauptstadtstudio

Jetzt ist alles klar. Markus Söder will nicht Kanzler, sondern König. Die Bilder vom Schloss Herrenchiemsee belegen es. Parade, Prunk und Protz. Söders Platz ist tatsächlich in Bayern - in einem Schloss. Unsinn? Stimmt. Wer nach dieser völlig überzogenen Inszenierung noch glaubt, der bayerische Ministerpräsident sieht sich auf ewig in Bayern, dem ist nicht zu helfen. Aber vermutlich glaubt das ohnehin niemand mehr.

Und Bundeskanzlerin Angela Merkel? Sie liefert ihm die Bilder, die er sich wünscht. Vor dem Schloss, im Schloss, im Schlossgarten, auf dem Schiff und in der Kutsche. Das alles passt so überhaupt nicht zu Merkel. Extravaganz liegt ihr so fern wie Söder Bescheidenheit. Und trotzdem spielt sie mit - wohlwissend, dass sie das nicht mit allen Ministerpräsidenten machen kann.

Ein einmaliges Schlosstheater

Erst mit Söder im Schloss Herrenchiemsee, dann mit Nordrhein-Westfalens Landeschef Armin Laschet auf Schloss Bensberg und mit Michael Kretschmer ins sächsische Schloss Moritzburg. Stoff für die "Bild der Frau", nicht für den Terminkalender einer Kanzlerin wie Merkel. Dieses Schlosstheater war einmalig.

Sollte Laschet Merkel zum Kabinettsbesuch einladen, würde er Söder nicht das Wasser reichen können. Von Merz würde sie sich erst gar nicht einladen lassen. Und Norbert Röttgen - wer war noch gleich Röttgen in diesem Theater.

Eine Frage aber drängt sich auf: Warum spielt Merkel bei Söder mit? Weil sie sich bei ihm bedanken will, für die gute Zusammenarbeit in den vergangenen Monaten. Und das ist glaubhaft. Schließlich war es Söder, der Merkels vorsichtigen Kurs in der Corona-Krise mitgetragen hat wie kein anderer. Er war der Mann an Merkels Seite.

So bekommt er, was er will: Hochherrschaftliche Bilder fürs Familienalbum. Mit besten Grüßen nach Düsseldorf. Und für Merkel, die in diesem Jahr auf die Wagner Festspiele in Bayreuth verzichten muss, ist es nebenbei ein netter Ersatztermin in Bayern.

Vor der K-Frage kommt das Rennen um den Vorsitz

Mehr nicht, sagt sie und will sich in Zurückhaltung üben, was ihre Nachfolge betrifft, kann sich dann aber den Nachsatz nicht verkneifen: "Bayern hat einen guten Ministerpräsidenten." Und am Ende der Show hat man fast das Gefühl, dass sie ihm gleich die Krone aufsetzen wird.

Aber halt. Nicht Merkel entscheidet über die Kanzlerfrage in der Union, sondern der nächste CDU-Vorsitzende. Und der muss erstmal gewählt werden und dann auf die Kanzlerschaft verzichten. Ist das wirklich vorstellbar? Laschet gibt doch kein Bundesland auf, um in Berlin nicht zu regieren. Friedrich Merz hält sowieso nur sich selbst für den einzig Wahren. Und Röttgen - tja, der würde vielleicht verzichten, hat aber kaum eine Chance überhaupt erst Parteichef zu werden.

So bleibt zunächst mal nur die Erkenntnis: Ein Schloss macht noch lange keinen Kanzler.

Kommentar: Ein Schloss macht noch lange keinen Kanzler!
Sabine Henkel, ARD Berlin
14.07.2020 17:07 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 14. Juli 2020 um 17:12 Uhr.

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