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Kommentar

Kanzlerin besucht Athen

Die Kanzlerin hat Schneid gezeigt

Von Reinhard Baumgarten, ARD-Hörfunkstudio Istanbul

Beim Geld hört die Freundschaft auf, so die Binsenweisheit. Wie hoch die Binsen im deutsch-griechischen Verhältnis bereits gewachsen sind, hat der Besuch von Bundeskanzlerin Angela Merkel eindrücklich gezeigt. 7000 Polizistinnen und Polizisten säumten ihren Weg und hielten Zehntausende Demonstranten in Schach.

Merkel ist zur Reizfigur vieler Griechen geworden. Nicht wenige sehen in ihr den personifizierten Sparzwang, den Fleisch gewordenen sozialen Abstieg einer ganzen Nation. Kein anderes politisches Schwergewicht Europas wird in Griechenland so angefeindet wie die Bundeskanzlerin. Sie wird geschmäht und verhöhnt, ausgebuht und mit Nazi-Insignien versehen. Gehen so Freunde miteinander um? Ganz bestimmt nicht.

Kommentar: Freunde in der Not
R. Baumgarten, ARD Istanbul
09.10.2012 18:01 Uhr

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Athen statt Kreta, Rhodos oder Santorin

Die Bundeskanzlerin hat Schneid. Sie hätte sich mit Regierungschef Antonis Samaras und dessen Kabinett auch auf Kreta, Rhodos oder Santorin treffen können. Irgendwo weit draußen auf einer Insel im Meer. Doch sie ist in die Höhle des Löwen gegangen. Es musste die Hauptstadt sein. Das ist ein starkes Signal, das ist die richtige Botschaft! Sie hat sich der griechischen Herausforderung gestellt. Spät zwar, aber noch nicht zu spät.

Die deutsch-griechische Freundschaft ist schwer belastet. Was über Jahrzehnte gewachsen ist, droht zu zerbrechen, droht sprichwörtlich in die Binsen zu gehen. Und der Hauptgrund dafür ist das liebe Geld. Würden die Hellenen noch mit Drachmen bezahlen, hätten die Deutschen allenfalls Mitleid. Doch seit elf Jahren zahlen sie mit "unserem" Geld, so zumindest empfinden es viele Deutsche. Schließlich haben die Deutschen ja ihre Mark - das Symbol des deutschen Wirtschaftswunders - in die neue Währung eingebracht.

Die Fehler der Vergangenheit

Beim Geld hört nicht nur die Freundschaft auf, Geld verdirbt auch den Charakter und die Liebe zum Geld macht blind. Die Griechen sind nicht schuld an der Euro-Krise. Deutschland ist nicht schuld an der Massenarbeitslosigkeit in Griechenland und dem sozialen Niedergang. Es gibt eine ganze Reihe von konkreten Gründen, warum Griechenland so tief im Schlamassel steckt. Dazu gehören als erstes eine über Jahrzehnte von griechischen Politikern betriebene ausufernde Klientelpolitik. Dazu kommt eine verfehlte Wirtschaftspolitik, die sich auf Brüsseler Töpfe und Subventionen sowie - nach Einführung des Euro - auf billige Kredite verlassen hat. Dazu gehört schließlich auch, dass die Euro-Partner, allen voran Deutschland, den Griechen mit endlosen Sparrunden eine Medizin verabreichen, die den Patienten eher ins Jenseits, als auf die Erfolgsspur befördert.

Gemeinsames Geld muss nicht das Ende einer Freundschaft einleiten. Europa ist mehr als eine Idee oder eine Interessengemeinschaft. Europa ist heute mehr denn je eine Schicksalsgemeinschaft. Samaras und Merkel haben in Athen ein starkes Zeichen der Verbundenheit gesetzt.

Dieser Beitrag lief am 9. Oktober um 19:06 im Deutschlandfunk

Stand: 09.10.2012 18:20 Uhr

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