Kommentar

Blumen liegen auf der Westminster-Bridge | Bildquelle: REUTERS

Londoner Terroranschlag Kein Grund für schärfere Gesetze

Stand: 23.03.2017 16:21 Uhr

Nach dem ersten Schock über den Anschlag mit vier Toten und etwa 40 Verletzten beginnt in London die Aufarbeitung. Auch wenn es über den Attentäter beunruhigende Erkenntnisse gibt, lautet die Botschaft: Wir müssen unser Leben nicht ändern.

Ein Kommentar von Jens-Peter Marquardt, ARD-Studio London

Ein schrecklicher, ein brutaler, ein menschenverachtender und durch nichts zu rechtfertigender Anschlag. Mit dem Auto absichtlich in eine Gruppe von Menschen zu fahren, Unschuldige, die zufällig zu dieser Zeit an diesem Ort waren, zu töten - ein abscheuliches Verbrechen, das sich nur ein krankes Hirn ausdenken kann. Es hat Tote und Verletzte gegeben, sehr schwer Verletzte darunter, die auf Dauer unter den Folgen dieses Anschlags leiden werden. Eine menschliche Tragödie, für die Opfer und für ihre Angehörigen, auch für die Familie des erstochenen Polizisten, die nun keinen Ehemann und Vater mehr hat.

Es gibt keinen Grund für schärfere Gesetze

Aber so schrecklich dieser Anschlag ist - der 22. März 2017 ist kein neues 9/11 und auch kein 7/7, kein Anschlag von den Ausmaßen der Attacke auf das World Trade Center in New York oder der Selbstmordanschläge auf U-Bahn und einen Bus in London. Wir sollten deshalb heute, am Tag nach der Amokfahrt auf der Westminister Bridge und dem Messerangriff vor dem Parlament, bei aller Bestürzung und Trauer, maßvoll, angemessen und nicht hysterisch reagieren. London ist auch nach diesem Anschlag nicht unsicherer als Hamburg, Berlin oder München.

London bleibt ein attraktives Ziel für Touristen aus aller Welt. Das Risiko, hier durch einen Terroranschlag ums Leben zu kommen, ist in der britischen Metropole nicht größer als anderswo in Westeuropa. Deshalb gibt es auch keinen Grund, nach schärferen Gesetzen zu rufen oder gar die bürgerlichen Freiheiten einzuschränken. Denn genau das ist es ja, was die islamistischen Terroristen erreichen wollen: Dass die westliche Gesellschaft ihre Werte der Freiheit und Demokratie aufgibt, die über Jahrhunderte erkämpften Bürgerrechte, die das Leben hierzulande, in Großbritannien genauso wie in Deutschland, so lebenswert machen.

Plan des Attentäters ging nicht auf

Es war kein Zufall, dass dieser Anschlag den Houses of Parliament galt, den beiden Häusern der ältesten Demokratie der Welt. Der Attentäter, hinter dem nach eigenem Bekunden der sogenannte Islamische Staat steckt, wollte die Herzkammer der britischen Demokratie treffen. Doch das hat nicht einmal ansatzweise funktioniert: Schon heute haben die Abgeordneten wieder ihre parlamentarische Arbeit aufgenommen - das ist die richtige Antwort auf eine kranke Attacke.

Jetzt nach schärferen Gesetzen zu rufen, macht auch deshalb keinen Sinn, weil schärfere Gesetze nichts gegen Anschläge dieser Art ausrichten können. Die Waffen waren in diesem Fall ein Auto und zwei Messer - dagegen hilft auch kein Überwachungsstaat. Natürlich muss jetzt geprüft werden, ob die britischen Sicherheitsbehörden die Beobachtung des vor Jahren als verdächtig aufgefallenen Attentäters fahrlässig zu früh eingestellt haben. Aber auch hier gilt: Die Sicherheitsbehörden können nicht jeden, der einmal aufgefallen ist, ein Leben lang unter Kontrolle halten. Und: Auch schärfere Einwanderungskontrollen hätten diesen Anschlag nicht verhindert. Der Attentäter kam schon in Großbritannien auf die Welt.

Deshalb: Bei aller Bestürzung und Trauer - wir dürfen uns durch einen solchen Anschlag nicht verrückt machen lassen. Wir müssen unser Leben nicht ändern.

Redaktioneller Hinweis

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 23. März 2017 u.a. um 12 Uhr, 14 Uhr, 15 Uhr, 16 Uhr und 17 Uhr.

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