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Kommentar
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Libyen braucht Politiker, die Gräben überwinden können
Von Hans Michael Ehl, ARD-Hörfunkstudio Kairo
Die Bilder der vergangenen Monate sind gleich - egal, ob aus Tunis, Kairo, Sanaa oder Tripolis: lange Warteschlangen vor den Wahllokalen, glückliche Menschen, die sich darüber freuen, ihre politische Zukunft selbst bestimmen zu können. Die teils enthusiastische Freude, wählen zu können und zu wissen, dass die eigene Stimme auch tatsächlich etwas bewirken kann, ist eine erste Frucht dessen, was wir gern "Arabischen Frühling" nennen.
In Libyen ist das aber nur die eine Seite der Medaille. Im Osten des Landes wurden Wahllokale attackiert, Wahlunterlagen vernichtet, Wähler am Urnengang gehindert. Freude im Westen des Landes, Gewalt im Osten - das offenbart die Kluft, die das Land zu zerreißen droht. Es offenbart zudem die Herausforderung, die sich den neuen politischen Führern der Nach-Gaddafi-Ära stellt.
Gerechter Ausgleich zwischen Ost und West
Dabei ist wichtig, dass es nicht die Kluft zwischen ehemaligen Gaddafi-Anhängern und Gaddafi-Gegner ist. Das sind alte Gräben, mit denen sich viele Libyer angesichts einer besseren, hoffnungsvollen Zukunft nicht mehr beschäftigen wollen. Es ist vielmehr die Kluft zwischen denen, die in Bengasi und anderen Städten im Osten den Aufstand gegen Gaddafi wagten, und denen, die die Früchte des Aufstands für sich einfahren wollen.
Kommentar: Libyen hat gewählt
H. M. Ehl, ARD Kairo
07.07.2012 17:34 Uhr
Ein gerechter Ausgleich zwischen Ost und West muss gefunden werden, um ein Auseinanderbrechen des Landes zu verhindern. Angesichts von Bestrebungen im Osten nach mehr Autonomie besteht dringend Handlungsbedarf.
Anarchie oder demokratischer Übergang?
Bewaffnete Milizen, die Wahllokale angreifen - das zeigt eine weitere große Herausforderung. Pläne zur Entwaffnung der Milizen müssen dringend umgesetzt werden, um wenigstens ein Stück Sicherheit ins Land zu bringen. Wahllose Straßensperrungen durch Milizen und Entführungen, um Geld zu erpressen, so Meldungen der vergangenen Tage, deuten eher auf Anarchie denn auf geordneten demokratischen Übergang.
Wie in den anderen Ländern des arabischen Frühlings braucht es auch in Libyen Politiker, die für einen Ausgleich sorgen und die es verstehen, die Gräben zu überbrücken, die nach dem erfolgreichen Diktatorensturz aufbrechen - auch die historischen, die nach dem gemeinsam erreichten Ziel wieder offen zutage treten. Allen Beteiligten sollte klar sein, dass jetzt nicht die Zeit ist, sich auf Kosten anderer zu profilieren.
Libyen steht wie Tunesien, Ägypten und Jemen und irgendwann wahrscheinlich auch Syrien vor historischen Veränderungen. Die sind nicht in wenigen Monaten zu schaffen, dazu braucht es Geduld und es braucht Menschen, die für einen Ausgleich sorgen. Und vor allem braucht ein demokratischer Übergangsprozess Zeit. Aber die ersten Schritte in die richtige Richtung sind getan.
Stand: 07.07.2012 17:56 Uhr
