Kommentar

Straßenszene in Deutschland

De Maizières Zehn-Punkte-Plan Diskutieren? Ja! - Aber ohne "Leitkultur"

Stand: 01.05.2017 12:57 Uhr

"Leitkultur" ist ein schrecklicher Begriff - findet Evelyn Seibert. Doch viele Punkte, um die es unterm diesem Stichwort geht, sind durchaus diskussionswürdig, findet sie. Und das gilt erst recht, weil der Wahlkampf längst begonnen hat.

Ein Kommentar von Evelyn Seibert, ARD-Hauptstadtstudio

Ein paar Punkte können wir gleich mal abhaken: Ja, natürlich will CDU-Innenminister Thomas de Maizière der AfD nicht all diejenigen überlassen, die Angst vor Überfremdung haben oder sich nach einem Deutschland zurücksehnen, das es so zwar nie gegeben hat. Aber sei es drum. Und: Ja, de Maizière muss seinen Job verteidigen, weil die CSU scharf darauf ist, nächstes Mal den Innenminister zu stellen. Kurz: Ja, es ist Wahlkampf.

Trotzdem: Wer in der Regierung sitzt, wer also das Land führen soll, muss nicht nur praktische Regierungsarbeit machen. Es ist gut und wichtig, wenn sich ein Minister hinsetzt und sich Gedanken macht, wie wir denn jenseits der geschriebenen Gesetze miteinander leben wollen, was wir für ein Land sein wollen. Völlig klar, dass das ein wertkonservativer CDU-Mann anders sieht als ein grüner Oppositionspolitiker.

Das Burka-Gespenst hat ausgedient

Insofern hat de Maizière schon einen Erfolg erzielt: Wir diskutieren. Von den zehn Punkten, die de Maizière da aufführt, kann sicher jeder einen oder zwei unterschreiben und findet einen oder zwei völlig daneben. Manche sind auch einfach banal. Zum Beispiel Punkt eins: die Begrüßung. Auch in anderen Ländern sagt man sich Guten Tag und nennt seinen Namen.  Ob man sich jetzt dabei die Hand schüttelt oder Küsschen gibt, ist Jacke wie Hose. Und das Burka-Gespenst, das de Maizière da wieder aus der Mottenkiste holt, hat jetzt echt mal ausgedient. Niemand findet Burkas bei uns  toll. Aber es besteht jetzt wirklich nicht die Gefahr, dass alle deutschen Frauen sich vollverschleiern müssten. 

Andere Punkte sollten wir dagegen immer wieder diskutieren, gern auch kontrovers. Wie wollen  wir mit unserer Geschichte umgehen, welche Verantwortung haben wir deswegen in der Welt? Was heißt Patriotismus für uns Deutsche? Ändert sich das? Genauso wie sich das Bild der Deutschen im Ausland gewandelt hat - spiegelt sich das auch im Inneren? Was ist altes Denken und gehört über Bord? Wie verändern die jungen deutschen Europäer das Land? Und wie verändern die mittlerweile vielen Generationen Zuwanderer unsere Selbstwahrnehmung?

Geht bei uns Bildung den Bach runter, weil niemand mehr weiß, was Goethe oder Bach bedeuten? Oder reicht es, wenn man das googeln kann, dafür aber ganz andere Wissensinhalte unser Denken prägen?

All das sind Themen, über die man sich unterhalten, streiten, diskutieren kann. Man muss dazu nicht dieselbe Meinung haben wie de Maizière. Aber vor allem sollte man es unter einer anderen Überschrift machen: "Leitkultur" ist ein wirklich schrecklicher Begriff. Über alles andere können wir reden.

Kommentar zur Leitkultur-Debatte: "Wir sind nicht Burka" - aber wer dann?
E. Seibert, ARD Berlin
01.05.2017 12:31 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Redaktioneller Hinweis

Kommentare geben grundsätzlich die Meinung des jeweiligen Autors und nicht die der Redaktion wieder.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 01. Mai 2017 um 09:00 Uhr.

Darstellung: