Kommentar

Marine Le Pen verlässt die Wahlkabine | Bildquelle: dpa

Wahlausgang in Frankreich Kein Grund zur Freude

Stand: 08.05.2017 03:19 Uhr

Emmanuel Macron wird der nächste Präsident Frankreichs - das dürfte vielerorts mit Erleichterung aufgenommen worden sein. Darüber freuen allerdings kann sich Barbara Kostolnik nicht. Sie meint: Le Pens enorm gutes Ergebnis ist vor allem eines: Ein Grund zu tiefer Sorge.

Von Barbara Kostolnik, ARD-Studio Paris

Keine Präsidentin Marine Le Pen. Gerade noch mal gut gegangen. Wobei: Was soll gut daran sein, dass über 11 Millionen Französinnen und Franzosen eine rechtsextreme, ausländerfeindliche, nationalistische Partei wie den Front National gewählt haben? Eine Partei, der es nur darum geht, Ängste und Ärger, Hass und Hilflosigkeit auszubeuten. Die keine Lösungen anbietet, die auf ein friedliches Zusammenleben der Franzosen untereinander und mit ihren Nachbarn hinwirkt, sondern die aus der Spaltung der Gesellschaft ihren vergifteten Honig saugen will.

Marine Le Pen ist nicht Präsidentin der Franzosen geworden, sie hat diese Wahl verloren. Aber sie hat trotzdem gewonnen: In zahllosen Kommunen ist der Front National salonfähig, ihm wird zugetraut, die Probleme des Landes zu lösen. Was sagt das über die anderen Parteien aus, die seit Jahrzehnten den Präsidenten gestellt und es offensichtlich nicht geschafft haben, diese Ängste und den Ärger so vieler wahr- und aufzunehmen und Angst und Ärger zu zerstreuen?

Macron für viele nur "das kleinere Übel"

Frankreich ist ein Land, in dem es sich zu leben lohnt. Aber in dem viele Französinnen und Franzosen den Eindruck haben, sie würden schikaniert, bevormundet, ignoriert. Der neue Präsident Emmanuel Macron hat nicht viel Zeit, um diese ganzen Sorgen und Nöte, das Unglück so vieler, ihren latenten Pessimismus in Optimismus zu verwandeln. Er war nicht der Kandidat der Herzen, sondern der letzte Mohikaner, der den Front National verhindern musste. Allzu viele Wählerinnen und Wähler haben ihn lediglich mit einer Mischung aus Pflichtgefühl, Resignation und Abscheu gewählt, wobei nur der Abscheu vor einer rechtsextremen Kandidatin noch größer war. Ein Drittel der Wahlberechtigten hat weder Macron noch Le Pen gewählt: diese Menschen konnten und wollten sich weder für "Pest" noch für "Cholera" entscheiden, wie sie das nennen.

Der neue Präsident steht nun vor einer wahnwitzig komplizierten Aufgabe: er muss auf seine zahlreichen Gegner zugehen, ohne sein Ziel, Frankreich tiefgreifend und nachhaltig zu reformieren, aus den Augen zu verlieren. Denn er muss es schaffen, Optimismus, Wachstum zu erzeugen und damit den Hassern des Front National den Boden zu entziehen. Fünf Jahre hat er dafür Zeit - die anderen Parteien sollten ihn unterstützen. Denn am Horizont, im Jahr 2022, lauert sonst das Gespenst, das die Franzosen gerade noch einmal vertrieben haben: eine Präsidentin Marine Le Pen.

Marine Le Pen hat gewonnen - nur nicht diese Wahl
B. Kostlnik, ARD Paris
08.05.2017 00:16 Uhr

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Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 07. Mai 2017 um 23:15 Uhr.

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