Kommentar

Krautreporter-Projekt Strahlender Erfolg mit Schönheitsfehlern

Stand: 14.06.2014 10:38 Uhr

Von Patrick Gensing, tagesschau.de

16.529 Unterstützer - so lautet das Ergebnis der Krautreporter bei Projektende, also heute Nacht um 24.00 Uhr. Ein stolzes Ergebnis. Was allerdings nicht auf den ersten Blick deutlich wird: Darunter befinden sich mehrere Großabnehmer von Mitgliedschaften. Die Augstein-Stiftung kaufte, wie von den Krautreportern erfreut vermeldet worden war, 1000 Mitgliedschaften für 50.000 Euro. Nach weiteren größeren Geldgebern muss man allerdings mühsam suchen.

Die Unterstützer werden zwar bei den Krautreportern aufgeführt, doch nur jeweils 25 auf einer Seite. Und so verteilen sich die Unterstützer auf mehr als 550 Seiten. Wer sich die Mühe macht, wird weitere Geldgeber finden, die 20.000 oder 10.000 Euro in die Krautreporter investierten. Wer das ist, bleibt unklar. Daraus ergibt sich aber, dass es bislang weniger als 15.000 reale Unterstützer gibt, aber mehr als 16.000 Mitgliedschaften verkauft wurden.

Eine Petitesse und Erbsenzählerei? Nicht unbedingt. Die Krautreporter hatten mit größten Ansprüchen für sich geworben. Der Journalismus sei kaputt, aber sie kriegten das wieder hin, verkündeten sie vollmundig - und mussten für diese Attitüde viel Kritik einstecken. Blogger und Journalisten vermissten zudem Informationen darüber, was die Krautreporter denn eigentlich inhaltlich machen wollen, welche Themen beackert werden sollten, was redaktionell geplant sei.

Was wollt Ihr eigentlich machen?

Kritik gab es auch an der Zusammensetzung der Projektgruppe. Der ganz überwiegende Teil sind Männer, viele arbeiten längst bei etablierten Medien, schreiben beispielsweise für die "FAZ", "Die Welt", "Berliner Zeitung" und weitere große Blätter. Auch die Homogenität fällt auf: Menschen mit Migrationshintergrund, mit anderem kulturellen Background, sind kaum zu finden. So wie bei den "alten Medien" eben auch.

Die "Hoffnungsträger des Journalismus" kommen also aus dem Journalismus selbst. Wie sie den Journalismus reparieren wollen, haben sie bislang nicht konkret verraten. Und bei der Darstellung der Unterstützer kommt zumindest ein Geschmäckle auf.

Crowdfunding mit Hilfe der großen Medien

Die gute Nachricht sei, meinen viele, dass "die Crowd" bereit sei, für Inhalte zu zahlen. Das wäre wirklich eine gute Nachricht, aber auch hier möchte ich etwas Wasser in den Wein gießen: Viele Spender sind selbst Journalisten, haben in ihrem Umfeld geworben und haben das Projekt unterstützt, weil sie es wichtig fanden, dass es nicht scheitert. Inhaltlich hatten auch hier viele Bauchschmerzen. Zudem profitierten die Krautreporter davon, dass ihr Projekt in den großen Medien wohlwollend und flächendeckend begleitet wurde.

Nun ist das Geld auf jeden Fall zusammen, die Arbeit der Krautreporter kann richtig losgehen. Ich bin gespannt, wie sich das Projekt entwickelt. Die Journalisten haben die Latte für ihr Start-Up selbst äußerst hoch gelegt. Nun müssen sie sich auch an diesen hohen Erwartungen messen lassen.

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