Kommentar: Ein Befreiungsschlag mit Folgen

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Kommentar zu Snowdens Asylantrag

Ein Befreiungsschlag mit Folgen

Von Stephan Laack, ARD-Hörfunkstudio Moskau

Es ist schon bemerkenswert, wie Edward Snowden es seit Wochen schafft, Regierungen auf fast allen Erdteilen der Welt in Trab zu halten. Dabei sah seine Situation zuletzt alles andere als rosig aus - fast drei Wochen hockt er jetzt schon im Transitbereich des Flughafens Scheremetjewo. Weit über zwanzig Asylanträge hatte er gestellt. Am Ende blieben gerade einmal drei Optionen in Lateinamerika.

Dass sich Snowden nun für vorübergehendes Asyl in Russland entschieden hat, ist eine Art Befreiungsschlag mit unabsehbaren Folgen. Ausdrücklich geht er auf das ursprüngliche Angebot und die Bedingung des russischen Präsidenten Wladimir Putin ein und verspricht, zumindest während seiner Zeit in Russland auf weitere Enthüllungen zu verzichten, die den USA schaden könnten. Damit ist der Kreml am Zug.

Kommentar: Ein Befreiungsschlag mit unabsehbaren Folgen
S. Laak, ARD Moskau
13.07.2013 00:36 Uhr

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Den USA die Stirn bieten

Wäre Russland jetzt von seinem Angebot abgerückt, Snowden Asyl zu gewähren, hätte dies so ausgesehen, als sei auch Moskau unter dem Druck Washingtons eingeknickt. Für Putin, der sein Land auf Augenhöhe mit den USA sieht, ein Ding der Unmöglichkeit. Russland war und ist eines der wenigen Länder weltweit, das den USA im Fall Snowden die Stirn geboten hat.

Der Einsatz war bislang gering - schließlich hielt sich der 30-jährige Amerikaner lediglich im Transitbereich des Flughafens Scheremetjewo auf. Sollte er nun wie in Aussicht gestellt offiziell in Russland Asyl bekommen, dürfte dies das russisch-amerikanische Verhältnis enorm belasten. Und dies zu einer Zeit, da die Beziehungen zwischen Washington und Moskau ohnehin angeschlagen sind. Dabei sind beide Seiten dringend auf die Zusammenarbeit angewiesen: ob bei der Terrorabwehr, beim Kampf gegen radikalen Islamismus oder etwa beim Abzug der Amerikaner aus Afghanistan.

Dass Snowden die USA mit seinem Schritt dazu bewegen könnte, von der weltweiten Hetzjagd auf ihn abzulassen, ist kaum zu erwarten. Aber immerhin ist es ihm gelungen, die Welt mit der Nase darauf zu stoßen, welch ungleicher Kampf da gerade vonstatten geht.

Obama verspielt Vertrauen

Bei der Jagd auf den Enthüller scheint den USA nahezu jedes Mittel recht zu sein. Präsident Obama verspielt innerhalb kürzester Zeit das Vertrauen, das ihm einst mit vielen Vorschusslorbeeren entgegen gebracht worden ist.

Es ist schon Ironie des Schicksals - wie man in Russland zu sagen pflegt - dass derjenige, der Bespitzelungen gigantischen Ausmaßes enthüllt hat, nun ausgerechnet in die Arme derjenigen getrieben wird, denen rechtsstaatliche Prinzipien so gut wie gar nichts bedeuten. Die Europäer hätten Snowden dieses Szenario ersparen können. Wenn sie sich in seinem Fall gemeinsam schützend vor ihn gestellt hätten, wäre die Drohkulisse der Amerikaner schnell in sich zusammengefallen. Diese Chance ist jedoch vertan worden.

Dieser Beitrag lief am 12. Juli 2013 um 20:50 Uhr auf NDR Info.

Stand: 13.07.2013 16:10 Uhr

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