Kommentar

SPD-Vorsitzender Sigmar Gabriel | Bildquelle: dpa

Gabriels Coup mit Steinmeier-Kür Volle Breitseite, Augen zu und durch

Stand: 14.11.2016 16:19 Uhr

Auf den ersten Blick wirkt SPD-Chef Gabriel mit der Kür von Steinmeier wie der Gewinner im Poker um das höchste Amt im Staate. Kanzlerin Merkel hat er damit düpiert, aber das bedeutet noch lange nichts für die Bundestagswahl.

Ein Kommentar von Angela Ulrich, ARD-Hauptstadtstudio

Was für ein Coup. Da knallt Sigmar Gabriel der Kanzlerin und der versammelten Union einen SPD-Mann als Bundespräsidenten vor den Latz. Und: Er kommt damit durch. Und zwar genau auf diese Gabriel-großspurig-Art: Keine richtige Absprache innerhalb der SPD, schon gar keine mit dem Koalitionspartner. Volle Breitseite, Augen zu und durch.

Bescheiden im Augenblick des Triumphs

Diesmal hat der Hasardeur gewonnen. Aber es ist interessant zu sehen, dass er eben kein lautes Siegesgeheul deswegen anstimmt. Champagnertrunken sah der SPD-Chef heute nicht aus, als er "Steinmeier for president" verkündete. Eher: bescheiden im Augenblick des Triumphs. Das ist klug von Gabriel.

Denn nur deshalb konnte er mit seinem Poker überhaupt durchkommen: Weil die Kanzlerin in Sachen Bundespräsident einfach zu schwach auf der Brust ist. Merkel hat - wie früher schon - gezögert, gezaudert und damit Chancen vertan. Dass sie nun Frank-Walter Steinmeier eine "Lösung der Vernunft" nennt, zeigt, wie dramatisch dünn die Personaldecke der Union ist.

Die Kandidaten-Armut der Union

Keine einzige präsidiable Frau bei den Konservativen? Das an sich ist schon ein Skandal. Da hilft es wenig, dass Merkel nun uneitel über ihren Schatten springt und den beliebten und fähigen Steinmeier mitträgt. "Respekt", sagt dazu zwar Alt-Kanzler Schröder. Aber in den eigenen Reihen muss sich die Kanzlerin bohrende Fragen gefallen lassen.

Aber es ist unwahrscheinlich, dass das ernsthaft an ihrem Lack kratzt - in Trump-bewegten Zeiten. Dafür ist Steinmeier auch in der Union zu geachtet. Die CDU-Kritik an der Kanzlerin richtet sich weniger an die Person als ans Prinzip: dass eine Unions-Kanzlerin den wichtigen Bundespräsidenten-Job einem Sozialdemokraten überlässt.

Was bedeutet das für die Bundestagswahl?

Daher hat Merkel vielleicht am Ende weniger verloren als es jetzt aussieht. Und Gabriel hat weniger gewonnen. Denn wer jetzt wie ein "SPD-Wonderman" wirkt, der kann auch sehr schnell wieder zur wankelmütigen Wundertüte werden. Ein Russisch-Roulette-Spieler als Kanzlerkandidat, das mag noch gehen - aber als Kanzler? Schwierig, Herr Gabriel. 

Zwischenruf: Zocker Gabriel - diesmal gewonnen! Aber auf Dauer nicht...
A. Ulrich, ARD Berlin
14.11.2016 20:43 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 14. November 2016 um 14:05 Uhr.

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