Kommentar

Ein Mann ist gewalttätig gegen eine Frau | Bildquelle: dpa

Nach den Übergriffen in der Silvesternacht Das Problem ist und bleibt Sexismus

Stand: 11.01.2016 16:14 Uhr

Die Diskussion nach den Überfällen in Köln kreist ausschließlich um diese konkreten Vorfälle in dieser einen Nacht. Um Frauen vor sexualisierter Gewalt zu schützen, ist dies zu wenig. Denn es klammert aus, dass Frauen nicht erst seit Silvester nicht sicher sind.

Von Anna-Mareike Krause, tagesschau.de

Frauen sind im öffentlichen Raum vor körperlicher und sexualisierter Gewalt nicht sicher. Das ist ein dramatisches Ungleichgewicht zwischen Männern und Frauen. Und es ist vor allem nicht erst seit dieser Woche so.

Viele antisexistische Aktivistinnen weisen seit Jahren und Jahrzehnten darauf hin, dass Frauen nicht nur in großen Menschenmengen, nicht nur an Silvester Gefahr laufen, bedrängt, belästigt oder sogar vergewaltigt zu werden. Ernst genommen wurde das oft nicht.

Zum Beispiel: Als im Januar 2013 tausende Frauen auf Twitter unter dem Hashtag #Aufschrei auf das Ausmaß an Alltagssexismus und sexueller Übergriffe aufmerksam machten, tat selbst Bundespräsident Joachim Gauck dies als "Tugendfuror" ab.

Und auch Polizisten reagierten in der Silvesternacht in Köln, so erzählten es betroffene Frauen dem "Kölner Stadtanzeiger", auf erste Meldungen der Übergriffe mit dem wenig hilfreichen Hinweis, man müsse auf seine Sachen schon gut aufpassen. Auch das ist keine Ausnahme, sondern symptomatisch dafür, wie unsere Gesellschaft mit Opfern sexualisierter Gewalt umgeht.

Sexismus bildet den Nährboden für Gewalt

Denn es ist keineswegs so, als hätten bis zu dieser Silvesternacht alle Frauen in Deutschland in Sicherheit gelebt. Struktureller Sexismus ist in unserer Gesellschaft fest verankert und bildet den Nährboden für Übergriffe und Gewalt.

Im März 2014 veröffentlichte die Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA) einen Bericht über Gewalt gegen Frauen. Es war die weltweit bislang größte Erhebung dazu. Das Ergebnis: In der EU haben 33 Prozent aller Frauen nach ihrem 15. Lebensjahr körperliche oder sexuelle Gewalt erfahren. 22 Prozent aller Frauen von ihrem eigenen Partner. Nichtmal im eigenen Zuhause sind Frauen konsequent vor Gewalt geschützt. Der Maßnahmenkatalog, den die FRA empfahl, um Frauen vor Gewalt zu schützen, ist längst nicht umgesetzt.

Im April 2015 veröffentlichte die französische Zeitung "Le Monde" eine Befragung zu Sicherheit in öffentlichen Verkehrsmitteln. 100 Prozent der befragten Pariserinnen gaben an, in der Metro schon belästigt worden zu sein.

Übergriffe sind kein Einzelfall

Im öffentlichen Raum sind Übergriffe kein Einzelfall, sondern traurige Gewohnheit: Im vergangenen Jahr gab es auf dem Oktoberfest 20 Anzeigen wegen Sexualdelikten, darunter eine versuchte Vergewaltigung, Missbrauch von Widerstandsunfähigen, sexuelle Nötigung. Hilfsvereine schätzen die Dunkelziffer höher ein.*

Es soll nicht darum gehen, das eine durch das andere zu relativieren. Im Gegenteil. Denn dies sind nur wenige Beispiele für Nachrichten, die nicht auf Titelseiten vermeldet wurden. Erst jetzt, da eine Tätergruppe ausgemacht werden kann, deren Frauenbild vermeintlich importiert ist, gibt es eine breite Berichterstattung und flächendeckenden Protest gegen Übergriffe. Zumal viele, die jetzt ein konsequentes Vorgehen gegen die Täter fordern, sich sonst wenig für Frauenrechte interessieren.

Ein Hohn für die Opfer

Entlarvend ist hierbei, dass sich die gegenwärtige Diskussion nicht gegen sexualisierte Gewalt im Allgemeinen wendet, sondern nur gegen diese konkreten Taten in dieser Nacht, durch diese konkrete Tätergruppe. Damit Frauen in Deutschland vor sexualisierter und körperlicher Gewalt sicher sind, ist das zu wenig. Denn die Mehrheit der Sexualstraftaten wird begangen von Männern, deren Frauenbild nicht importiert ist. Welch ein Hohn für die Opfer, wenn sie vor den einen Tätern geschützt werden sollen - und vor den anderen nicht.

*Anmerkung: In einer früheren Version hieß es, Polizei und Hilfsvereine schätzten die Dunkelziffer auf 200 nicht angezeigte Sexualdelikte jährlich. Damit haben wir uns auf einen Artikel der "Taz" bezogen. Ein Sprecher der Polizei München dementierte diese Zahl jetzt gegenüber dem "Münchner Merkur".

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