Kommentar

Brexit-Britannien feiert Hochzeit Willkommene Bereicherung

Stand: 19.05.2018 17:59 Uhr

Eine feministische Schauspielerin mit afroamerikanischen Wurzeln, die ins Königshaus einheiratet - für viele Briten ist das eine willkommene Abwechslung vom tristen Brexit-Alltag.

Ein Kommentar von Stephanie Pieper, ARD-Studio London

Eine geschiedene US-Amerikanerin, die in das englische Königshaus einheiratet? Das ist in der Vergangenheit schon einmal schief gegangen. 1936 endete das mit der Abdankung von König Edward VII., der lieber den Thron als seine Geliebte Wallis Simpson aufgab.

Prinz Harry jedoch, nur noch auf Platz sechs der Thronfolge, hat anno 2018 größere Freiheit bei der Wahl seiner Braut als seinerzeit Edward, und auch als sein Vater Charles. Dem gereiften Rebell Harry, der mit zwölf Jahren seine Mutter verloren hat, ist sein Glück zu gönnen.

Meghan Markle, nun Herzogin von Sussex, heiratet in eine schrecklich nette Familie ein. Sie könnte sich für diese seltsame Monarchie-"Firma" als willkommene, volksnahe Bereicherung entpuppen - eine Amerikanerin, die schon mal verheiratet war, mit schwarzer Mutter und weißem Vater; eine Schauspielerin und Feministin, die zwar ihren Job aufgibt, sich aber für Frauenrechte einsetzt.

Royaler Zirkus

Meghan wirkt - wie ihr frischgebackener Ehemann Harry - nicht so scheu und steif wie Kate und William oftmals. Anders als Diana, die spätere "Prinzessin der Herzen und des Volkes", wird die 36-jährige Meghan aber zum Glück nicht blauäugig und blutjung das jüngste Mitglied dieses royalen Zirkus´, sondern bringt einiges an Lebenserfahrung mit.

Freuen wir uns also mit den Briten, die sich bei strahlendem Sonnenschein am Glück der frisch Verheirateten ergötzen, im Pub feiern und den Union Jack schwenken. Ist diese Party doch eine willkommene Abwechslung vom traurigen Alltag, den Brexit-Britannien sonst erlebt: Die Austrittsverhandlungen mit der EU sind mühsam, die Wirtschaft schwächelt, und die konservative Minderheitsregierung taumelt in regelmäßigen Abständen.

Premierministerin Theresa May, die seit einer Weile nach guten Nachrichten lechzt, dürfte sich angesichts des Hypes um das nun frisch verheiratete Paar bereits die Hände reiben: Die Regierung wird gewiss auch Harry und Meghan alsbald als Botschafter des Vereinigten Königreichs auf Reisen schicken.

Wegbereiter für all die tollen Freihandelsabkommen

Junge, schöne, sympathische Royals, die in Europa, im Commonwealth und darüber hinaus für nette Bilder und gute Stimmung sorgen, als Wegbereiter für all die tollen Freihandelsabkommen. Wenn Großbritannien durch den EU-Austritt auf der Weltbühne nur noch eine Nebenrolle spielt, dann wird die "soft power", also die sanfte Macht der Royals umso wichtiger.

Sieben von zehn Briten betrachten die Monarchie immer noch als eine Institution, die zu diesem zerrissenen Land gehört wie Big Ben zu London; die in diesen unsicheren Zeiten für Tradition steht, für Verlässlichkeit, für Überparteilichkeit.

Doch der echte Test für den Fortbestand des Königshauses kommt, wenn in nicht allzu ferner Zukunft die für ihren jahrzehntelangen Dienst am Volk geschätzte Elisabeth II. stirbt, und wenn der nach wie vor nicht sonderlich beliebte Charles den Thron besteigt: Ein nicht gewähltes Staatsoberhaupt, dessen extravaganter Lebensstil so gar nichts gemein hat mit dem seines Volkes.

Wird es ein modernes Paar wie Harry und Meghan - im Verbund mit William und Kate - schaffen, diese Institution behutsam so zu verändern, dass ihr Überleben gesichert ist? Es ist nicht auszuschließen, dass ein Slogan wie der der "Brexiteers" ("Take back control"), der Ruf nach mehr Souveränität also, sich irgendwann auch gegen das Königshaus richtet.

Kommentar: Brexit-Britannien feiert die Royal Wedding
Stefanie Pieper, ARD London
19.05.2018 17:11 Uhr

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Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 19. Mai 2018 um 23:45 Uhr.

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