Kommentar

Blick auf die Roben der Richter des Ersten Senats sowie ein Richterbarett beim Bundesverfassungsgericht | Bildquelle: dpa

Karlsruher Urteil zum NC Zu vage, um viel zu verändern

Stand: 19.12.2017 17:33 Uhr

Das Urteil des Verfassungsgerichts zum Numerus Clausus lässt viele Fragen offen. Weil viele Vorgaben vage bleiben, muss sich vielleicht gar nicht viel ändern. Ärgerlich ist die richterliche Begrenzung der Wartezeit.

Ein Kommentar von Gigi Deppe, ARD-Rechtsredaktion

Die Kläger und ihre Anwälte freuen sich über das Urteil. Das ist verständlich. Wer würde nicht gerne vom obersten deutschen Gericht hören, dass er oder sie - jedenfalls teilweise - Recht bekommen hat. Aber auch die Verbände begrüßen die Karlsruher Entscheidung: Die sei das richtige Signal.

Einige positive Impulse

Sicher, vom Urteil zum Numerus Clausus gehen durchaus ein paar positive Impulse aus: Dass zum Beispiel die unselige Ortsangabe keine Rolle mehr spielen soll. Es war eine Methode, mit der die Universitäten der Vielzahl der Bewerber Herr werden wollten: Hatte jemand eine bestimmte Universität nur an zweiter Stelle auf seine Bewerbungsliste gesetzt, war er aus dem Rennen, nur weil die Konkurrenten sie an erster Stelle angegeben hatten. Diese Auswahlmethode war schon immer ungerecht - gut, dass sie abgeschafft wird.

Sinnvoll ist auch, dass die Noten aus verschiedenen Bundesländern vergleichbarer werden sollen. Wobei die Frage bleibt, wie das in der Praxis umgesetzt werden soll. Angenommen, Bewerber aus Thüringen kriegen in Zukunft 0,2 Punkte Abzug, weil ihr Abitur weniger wert sein soll als in anderen Bundesländern - nicht auszudenken, wie viel Streit das provoziert.

Noten werden auch in Zukunft entscheiden

Unterm Strich bleibt vieles offen nach dieser Karlsruher Entscheidung. So soll es bei der Direktbewerbung an der Universität nicht nur auf die Noten ankommen. Soziale Kompetenz soll eine größere Rolle spielen. Das klingt gut. Andere Fähigkeiten, zum Beispiel die Berufserfahrung als Krankenschwester, sollen auch berücksichtigt werden. Das klingt auch gut. Aber letztlich bleibt alles sehr im Ungefähren.

Die Noten - und nur die Noten - werden auch in Zukunft das entscheidende Kriterium sein. Ein Fünftel der Plätze geht weiter an die mit dem besten Abitur aus ganz Deutschland. Und die müssen keinen Funken praktischen Sachverstand besitzen.

Bei den anderen kommt es sehr darauf an, was der Gesetzgeber daraus macht, welche Vorgaben die Hochschulen bekommen. Denn es besteht eine deutliche Gefahr, dass die Universitäten künftig im Aufnahmetest mal eben zwei Alibi-Fragen zu den sozialen Fähigkeiten stellen und damit dem Verfassungsgericht Genüge getan haben.

Ärgerliche Entscheidung zur Wartezeit

Endgültig ärgerlich wird das Urteil aber bei der Frage der Wartezeit. Wenn jemand nach einer Wartezeit einen Platz bekomme, gehe das zu Lasten eines besser Qualifizierten, heißt es in dem Urteil. Und deswegen müsse der Anteil der Wartenden begrenzt werden. Wieder lassen sich die Richter zu der Annahme verleiten, dass die mit den besseren Noten die besseren Ärzte werden.

Und dann legt das Gericht auch noch eigenmächtig fest, dass nach vier Jahren Wartezeit besser Schluss sein sollte. Wer dann keinen Platz mehr bekommt, hat dann Pech gehabt. Interessant ist nur, dass die beiden Kläger in diesem Fall nie einen Studienplatz bekommen hätten. Sie haben beide schon viel länger darauf gewartet.

Die Richter haben uns gut zugehört, so die einhellige Meinung aller Beteiligten im Gerichtssaal nach der Verkündung. Nur - die Frage ist, ob dieses Urteil wirklich Spuren hinterlässt. Weil vieles vage bleibt, muss sich vielleicht gar nicht viel ändern. Die Wartekandidaten, die wissen allerdings sicher, dass sie in Zukunft weniger Chancen haben.

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