Kommentar

US-Luftangriff in Kundus Es geht um ein Kriegsverbrechen

Stand: 05.10.2015 08:42 Uhr

Wer hat den US-Luftangriff auf das Krankenhaus in Kundus angeordnet? Und wer hat ihn trotz des Hilferufs der Ärzte ohne Grenzen fortsetzen lassen? Die Opfer haben ein Recht auf Antworten. Denn der Vertrauensverlust ist ohnehin schon immens.

Von Sandra Petersmann, ARD-Hörfunkstudio Neu-Delhi

Wir gucken in den Zerrspiegel der internationalen Afghanistanpolitik. Zusammengefasst in einem schrecklichen Unwort: Kollateralschaden. Was für ein zutiefst menschenverachtendes Wort. Es fallen Bomben, sie sollen den Feind treffen, aber sie töten Zivilisten. Um es ganz plastisch zu machen: In Kundus verbrannten schwer verletzte Patienten bei lebendigem Leibe in ihren Betten, weil sie nicht fliehen konnten. Weil der Luftangriff auch nach den Hilferufen der Ärzte ohne Grenzen (MSF) Richtung Amerikaner und Afghanen noch mehr als eine halbe Stunde weitergeht. Warum? Wie abgestumpft muss man sein, um hier von einem Kollateralschaden zu sprechen?

Am frühen Samstagmorgen um kurz nach zwei Uhr fallen nach übereinstimmenden Angaben von überlebenden Patienten und Mitarbeitern der Ärzte ohne Grenzen mehrere Sprengkörper auf die Trauma-Klinik. Sie fallen gezielt auf das Hauptgebäude, das beweisen Videoaufnahmen. Andere Bereiche des großen Geländes bleiben verschont. Reiner Zufall? Umherfliegende Metallteile von Angriffen in der Nähe? Alle Geodaten der Klinik seien den Konfliktparteien bekannt gewesen, sagt MSF. Zuletzt habe man die GPS-Koordinaten am 29. September übermittelt. Außerdem: Es gibt die Klinik seit 2011. Sie ist auch den Amerikaner bekannt. Halt, stopp. Ich muss in der Vergangenheit texten: Die MSF-Klinik war ein Notfall-Rettungsanker, den die Menschen in Nordafghanistan durch das Bombardement verloren haben.

Taliban-Kämpfer in der Klinik?

Afghanische Offizielle aus dem Innen- und aus dem Verteidigungsministerium in Kabul beharren darauf, dass sich Taliban-Kämpfer in der Klinik verschanzt und angegriffen hätten. MSF bestreitet das. Eine Rolle darf dieses Argument sowieso nicht spielen. Das humanitäre Völkerrecht ist absolut klar: Es verbietet den Beschuss von Kliniken im Krieg. Punkt und Schluss. US-Präsident Barack Obama spricht von einem "tragischen Vorfall". Sein Verteidigungsministerium untersuche den Luftangriff, sagt Obama. Doch ich bezweifle, dass das Pentagon die beste Adresse dafür ist. Unabhängigkeit und Transparenz stören im Krieg. Zu klären sind diese Kernfragen: Wer hat den Luftangriff angeordnet? Wer hat ihn trotz der MSF-Hilferufe fortsetzen lassen? Wer gab den Piloten die Koordinaten für das Angriffsziel?

Tiefer Vertrauensverlust

Die Opfer haben ein Recht auf diese Antworten. Es hat in den vergangenen Jahren viele NATO-Luftangriffe mit zivilen Opfern gegeben, die niemals vollständig aufgeklärt wurden. Gängige Schlussfolgerung: Kollateralschäden. Das hat zu einem tiefen Vertrauensverlust geführt, der dem ohnehin nur halbherzigen Versuch des Staatsaufbaus in Afghanistan schwer geschadet hat.

Die Ärzte ohne Grenzen behandeln alle, die Hilfe brauchen. Solange sie ihre Waffen vor der Klinikmauer abgeben. Diese Neutralität braucht auch die Untersuchung des Luftschlags, damit aus Kundus kein weiterer afghanischer Kollateralschaden wird. Es geht um die Aufarbeitung eines mutmaßlichen Kriegsverbrechens. 

Kommentar: Es geht um ein Kriegsverbrechen
S. Petersmann, ARD Neu-Delhi
05.10.2015 09:04 Uhr

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