Kommentar

Atomstreit in Ostasien Hoffnung statt Endzeitstimmung

Stand: 07.03.2018 05:18 Uhr

Die Entspannungspolitik von Südkoreas Präsident Moon hat Bewegung in den Konflikt auf der Halbinsel gebracht. Daraus kann etwas werden.

Ein Kommentar von Jürgen Hanefeld, ARD-Studio Tokio

Es wäre ja zu schön. In dieser Welt, die nur noch aus Krieg und Katastrophen zu bestehen scheint, in der die Putins, Xis und Trumps sich ständig gegenseitig und damit uns alle bedrohen, wenn in dieser gefühlten Endzeitstimmung plötzlich etwas Hoffnung wächst.

Zu verdanken haben wir das in erster Linie einem nicht alten, aber altmodischen Politiker: Moon Jae In, der Präsident Südkoreas, der keine einzige Rakete hat und auch keine will. Der aus einer scheinbar überholten Epoche stammt, dem Zeitalter der Abrüstung und der Friedenspolitik.

Zugegeben, lange her, die Ostpolitik der deutschen Sozialdemokraten und die sogenannte "Sonnenscheinpolitik" in Korea. Bei uns ist der Fall der Mauer vor 28 Jahren schon beinahe vergessen. In Korea aber kennt jedes Kind die Namen Willy Brandt und Egon Bahr. Sie stehen für den Traum, dass - um dieses große Wort zu zitieren - "zusammenwächst, was zusammengehört".

Gespür für das "Fenster der Gelegenheit"

Moon ist einer, der daran glaubt. Kein Naivling, keiner, der den Schuss nicht gehört hat. Aber einer, der keine Schüsse mehr hören will. Einer, dessen Eltern selbst aus Nordkorea geflüchtet sind, ein Menschenrechtsanwalt aus dem Gefolge der Sonnenschein-Politiker Kim Dae Jung und Roh Moo Hyun. Wie gesagt, ein altmodischer Idealist. Aber einer, der nicht nur klare Ziele hat, sondern auch das Gespür für das berühmte "Fenster der Gelegenheit".

Moon weiß um die Abhängigkeit seines Landes von den USA und die unkontrollierte Aggressivität ihres Präsidenten. Er kennt die Haltung und das Kalkül Chinas, das um Himmels Willen keinen Bürgerkrieg und keine Flüchtlingsströme an seiner Grenze will. Und er weiß so gut wie Kim, dass sich die Sanktionsschlinge um Nordkorea langsam aber sicher zuzieht. Aber aus diesen Faktoren den entscheidenden Schritt abzuleiten und direkt auf Kim Jong Un zuzugehen, das ist mutig und verdient höchsten Respekt.

Olympische Spiele als Eisbrecher

Die Einladung Nordkoreas zu den Winterspielen war das Ende einer zehnjährigen Eiszeit und der Beginn von etwas Neuem. Man soll sich nicht zu früh freuen. Aber wer hätte gedacht, dass es so schnell gehen würde mit den Angeboten Kims, seine Raketen ruhen zu lassen, mit den USA zu verhandeln und sich sehr bald schon mit Moon zu treffen?

Nun wäre dringend ein Zeichen aus Amerika fällig, zum Beispiel, die anstehenden Militärmanöver der USA in Südkorea auszusetzen oder wenigstens einzuschränken. Moon kann schließlich nicht alles machen. Und Trump hätte die Chance, sich als Staatsmann zu zeigen.

Kommentar: Frühlingserwachen in Korea
Jürgen Hanefeld, ARD Tokio
07.03.2018 05:45 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 05. März 2018 um 23:00 Uhr und am 06. März um 01:00 Uhr.

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