Kommentar

Frankreich vor der Wahl Die Profiteure des Terrors

Stand: 21.04.2017 18:03 Uhr

Noch bevor die Hintergründe klar waren, versuchte die französische Präsidentschaftskandidatin Le Pen politisches Kapital aus dem Angriff auf der Champs-Élysées zu schlagen. Für die rechtsextreme Politikerin kam der Angriff spät, aber gerade noch rechtzeitig.

Ein Kommentar von Marcel Wagner, ARD-Studio Paris

Hätte jemand gefragt, was man sich eigentlich am Ende dieses irren, von Affären und Schlammschlachten besudelten Wahlkampfes in Frankreich noch Schlimmeres vorstellen könnte, dann hätte man vielleicht geantwortet: ein Attentat auf der Champs-Élysées.

Klar, die Furcht war immer da, die Nervosität bei den Sicherheitskräften und den meisten Politikern ist seit Wochen zum Reißen gespannt. Und dann hat man in den letzten Tagen innerlich versucht, daran zu glauben, dass, wenn es bis drei Tage vor der Wahl nicht passiert ist, vielleicht tatsächlich alles gut geht. Vergebens.

Nicht nur musste ein junger Mensch völlig sinnlos sein Leben lassen. Nein, genauso sinnlos und genauso vorhersehbar versuchen manche Kandidaten, vor allem eine Kandidatin, dieses Unglück für sich auszuschlachten. Da liegt der junge Mann noch auf dem Pflaster des Prachtboulevards. In seiner Blutspur setzten die politischen Leichenfledderer zum rechts überholen an.

Le Pen fordert "Schlachtplan"

Als hätte sie das Unglück bestellt, hatte die rechtsextreme Marine Le Pen sich vor Millionen Fernsehzuschauern nur Minuten zuvor darüber beschwert, dass die Themen innere Sicherheit und Terrorismus im Wahlkampf eine untergeordnete Rolle gespielt hätten - was nicht stimmt, denn in ihren eigenen Wahlkampfveranstaltungen war von kaum etwas anderem die Rede.

Die Hintergründe der Tat auf der Champs-Élysées waren noch völlig unklar. Le Pen zog auf der großen Fernsehbühne trotzdem vom Leder, sprach von Trauer und tauber Wut angesichts eines Alptraums. Weg mit der Laxheit, weg mit der Naivität, forderte sie. Ein Schlachtplan müsse her. Spät, aber aus Le Pens Sicht gerade noch rechtzeitig, kommt das Thema also doch noch auf die Tagesordnung, mit dem sie - und auch ihr konservativer Mitbewerber Francois Fillon - doch gerne schon so viel früher gepunktet hätten.

Viele Vorschläge, kaum Erfolgsaussichten

Um es klar zu sagen: Der islamistische Terror ist eine Pest, in seinen Mitteln ist er ekelerregend und verabscheuungswürdig. Und wie bei der Pest muss man alles dafür geben, ihn mit Stumpf und Stiel auszurotten. Und ja: Man darf, man muss vielleicht sogar die aktuelle französische Regierung kritisieren, wenn man das Gefühl hat, dass sie dafür nicht alles tut. Aber dann sollte man auch sehr genau hinschauen, was die Vorschläge von denen sind, die es so viel besser machen wollen: geschlossene Grenzen, massiv eingeschränkte Freiheiten und Rechte, in Kauf genommene Herabwürdigung von Unschuldigen, die mit den Terroristen der Einfachheit halber in einen Topf geworfen werden. Erfolgsaussichten? In etwa null.

Das hinterhältige Ziel der islamistischen Terroristen ist es, die westlichen Gesellschaften auseinanderzutreiben, um daraus Profit zu schlagen. Auch wenn die Mittel völlig unterschiedlich sind: Da haben sie mit den Rechten etwas gemeinsam.

Wie sich der Anschlag auf den Wahlkampf auswirkt
S. Wachs, SR, zzt. ARD Paris
21.04.2017 16:22 Uhr

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 21. April 2017 um 17:00 Uhr.

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