Kommentar

CSU-Parteitag Seehoferdämmerung in München

Stand: 15.09.2018 18:14 Uhr

Blutleer und müde wirkte der Auftritt von Seehofer in München. Und auch die Delegierten schienen von ihrem Vorsitzenden genug zu haben. Dieser Parteitag machte klar: Seehofer hat sich überflüssig gemacht.

Ein Kommentar von Julia Barth, ARD-Hauptstadtstudio, zzt. München

So kurz dieser Parteitag auch gewesen sein mag, so unglaublich wichtig war er für die Seele der umfragegeschundenen CSU. Eine Seele, die Horst Seehofer nicht mehr erreicht. Nicht nur der Auftritt des Parteichefs wirkte müde, die Delegierten im Saal wirkten müde von Seehofer.

Für ihn waren diese vier Stunden der beste Beweis: Die Seehoferdämmerung ist in vollem Gange. Zu sehr wirft ihm die Basis vor, mit den scharfen Tönen aus Berlin die potenziellen bayerischen Wähler verprellt zu haben. Zu sehr haben sie das Gefühl, dass er ihnen den Wahlkampf gründlich vermasselt hat, bevor sie überhaupt richtig damit beginnen konnten.

Die Basis wollte aufgebaut werden - ohne Seehofer

Es war der Mut der Verzweifelten, der an diesem Samstag im Münchner Postpalast zu spüren war. Und die Basis lechzte förmlich danach, aufgebaut zu werden und den Rücken gestärkt zu bekommen. Den Parteichef haben sie dafür nicht gebraucht.

Ja, auch Markus Söder hat dazu beigetragen, dass der CSU die Mitte weg läuft, weil die Partei immer wieder versucht hat, mit AfD-Parolen zu überzeugen. Und dass ihr die Wähler rechts von der Mitte weglaufen, weil aus den scharfen Tönen ob der Zwänge in der großen Koalition dann aber eben doch keine so konsequenten Taten wurden.

Doch Söder hat erstens rechtzeitig den Kursschwenk geschafft und wirbt jetzt konsequent mit den sozialen Themen und einer Politik, die den Schulterschluss mit den ganz normalen Leuten sucht. Mit Unterstützung für Familien, Pflegende, Landwirte oder Mittelständler.

Zweitens schafft er es, der Basis den Mut und die Kraft mit auf den Weg zu geben, die die Wahlkämpfer jetzt brauchen, um die Menschen im Land eben doch noch davon zu überzeugen, ihr Kreuzchen bei der CSU zu machen.

Kein Bedarf für diesen Parteichef

Dazu gehört auch die völlige Weigerung, über die Notwendigkeit eines Koalitionspartners auch nur im Ansatz nachzudenken. Dazu gehört im CSU-Narrativ auch die Drohung mit Berliner Verhältnissen, sollten die Wähler es tatsächlich wagen, sieben Parteien in den Landtag zu wählen. Dazu gehört aber vor allem die so trotzige wie kämpferische "Jetzt erst recht Mentalität", mit etlichen Belegen dafür, was die CSU dazu beigetragen hat, dass es Bayern so gut geht wie kaum einem anderen Bundesland.

Markus Söder macht aus den für CSU-Verhältnisse katastrophalen Umfragewerten einen Weckruf. Und gibt dem ganzen damit - so absurd das klingen mag - fast schon einen positiven Spin. Horst Seehofers einfaches "Ich bin überzeugt, dass wir am Ende stark abschneiden", wirkt daneben blutleer und mutlos.

Natürlich werden CSU-Spitzenkandidaten am Erfolg gemessen. Natürlich muss auch ein Markus Söder beweisen, dass seine Strategie im Endspurt aufgeht. Aber immerhin ist die Partei bereit, dem einst so umstrittenen Kandidaten mit Kampfgeist zu folgen. Der Parteichef hat sich dagegen überflüssig gemacht.

Kommentar zum CSU-Parteitag: Seehoferdämmerung
Julia Barth, ARD Berlin
15.09.2018 17:38 Uhr

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 15. September 2018 um 17:00 Uhr.

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