Kommentar

Ein riesiges Porträt von Staatschef Xi Jinping wird bei der Parade zum 70. Gründungstag China über den Tiananmen-Platz gerollt. | Bildquelle: AFP

China feiert 70. Jahrestag Supermacht mit Gedächtnisschwäche

Stand: 01.10.2019 15:31 Uhr

China bekräftigt seinen globalen Machtanspruch. Gleichzeitig feiert es seine Geschichte, ohne diese wirklich und wahrhaftig zu erzählen. Ein gefährlicher Kurs, wie die Lage in Hongkong zeigt.

Ein Kommentar von Axel Dorloff, ARD-Studio Peking

Chinas Militärparade zum 70. Gründungstag war eine moderne Waffenschau "Made in China". Mit 15.000 Soldatinnen und Soldaten, die mit ihren Panzern und Waffen vor Chinas Partei- und Armeeführer Xi Jinping am Tor des Himmlischen Friedens vorbeimarschiert sind. Die Parade war eine Machtdemonstration militärischer Stärke.

Was will uns Chinas Führung damit sagen? Es sind die Widersprüche, die in China immer wieder zutiefst irritierend sind. Auf der einen Seite inszeniert Staats- und Parteichef Xi in seiner Rede zum 70. Gründungstag der Volksrepublik sein Land als verantwortungsvolle Friedensmacht.

Auf der anderen Seite schickt er jegliches Kriegsgerät durch die Straßen, das er aufzubieten hat. Darunter auch neue Langstrecken-Raketen, die mit bis zu zehn nuklearen Sprengköpfen bestückt in einer halben Stunde die USA erreichen können. So heißt es jedenfalls.

Klare Botschaft an die USA

An einer Stelle in seiner Geburtstagsrede nennt Xi die friedliche Entwicklung, an der China festhalten wolle. An einer anderen Stelle stellt er fest, es gebe keine Macht, die die Grundlagen dieser großen Nation erschüttern könne. Keine Macht, die die chinesische Nation aufhalten könne. Dabei nannte er zwar nicht explizit die USA, aber das war natürlich gemeint.

China hat mit einer gigantischen Militärparade gezeigt, wo das Land militärisch steht - und hat damit auch seinen wachsenden internationalen Machtanspruch formuliert. Die Botschaft nach außen ist eindeutig: China möchte als Großmacht neben den USA weltweit ernst genommen werden. Deshalb gab es heute die größtmögliche Demonstration militärischer Stärke. "Seht mal, wir sind gerade dabei, die nächste militärische Supermacht zu werden" - so der Ruf aus China.

Wer die offizielle Ausstellung zu 70 Jahren Volksrepublik in Peking besucht, erlebt ebenfalls frappierende Widersprüche. Alle sollen hier Chinas Entwicklung der vergangenen sieben Jahrzehnte bestaunen: vom Arbeiter- und Bauernstaat zum hochentwickelten Industrieland und zur zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt, vom ersten chinesischen Traktor bis zu autonom fahrenden Bussen und Robotern mit künstlicher Intelligenz.

Erfolgsgeschichte und Propaganda-Märchen

Das ist tatsächlich auch sehr beeindruckend. China hat mit seiner Reform- und Öffnungspolitik seit Ende der 70er-Jahre Hunderte Millionen Menschen aus der Armut geholt. Das ist so keinem anderen Land auf der Welt gelungen. Gleichzeitig ist die Reduzierung darauf aber eine der erfolgreichsten Propaganda-Märchen der Gegenwart.

Kommentar: Waffen und Widersprüche - 70 Jahre Volksrepublik China
Axel Dorloff, ARD Peking
01.10.2019 14:58 Uhr

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Eine Debatte über die vielen Verfolgungskampagnen von Mao Zedong, seine politischen Verbrechen und die Millionen Opfer sind in China bis heute tabu. Sein "Großer Sprung nach vorn" endete mit einer gigantischen Hungersnot und vermutlich mehr als 40 Millionen Toten. Keiner erinnert daran, keiner arbeitet das auf. Während der Kulturrevolution wurden Hunderttausende Intellektuelle verfolgt, gefoltert oder getötet. All das findet in der offiziellen Ausstellung zu 70 Jahren Volksrepublik keinen Platz. Auch nicht die Studentenproteste von 1989 und das Massaker am Platz des Himmlischen Friedens.

Die Bevölkerung für dumm verkauft

Die Volksrepublik China feiert ihre eigene Geschichte, ohne diese Geschichte wirklich und wahrhaftig zu erzählen. Die ganzen pompösen Feierlichkeiten zum 70. Jahrestag funktionieren nur, weil man der eigenen Bevölkerung etwas vormacht und sie für dumm verkauft.

Das könnte China irgendwann auf die Füße fallen. In Hongkong muss die politische Führung momentan hilflos zusehen, wie ein großer Teil der Stadt aufbegehrt - gegen den chinesischen Einfluss und die Aushöhlung der Hongkonger Freiheitsrechte. Beim Handelskrieg mit den USA haben die Chinesen seit mehr als einem Jahr keine substanzielle Idee, wie dieser Konflikt zu lösen ist. Und im eigenen Land kämpft man mit einer zunehmenden Verschuldung von Staatsunternehmen und Lokalregierungen und einem wirtschaftlichen Abwärtstrend.

Das alles kann auch die offiziell verordnete gute Laune zum 70. Jahrestag nur kurz vergessen machen.

Redaktioneller Hinweis

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Über dieses Thema berichtete am 01. Oktober 2019 die tagesschau um 17:00 Uhr und Deutschlandfunk um 18:10 Uhr in der Sendung "Informationen am Mittag".

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