Kommentar

Frankreichs Präsident Hollande, Bundeskanzlerin Merkel und Italiens Regierungschef Renzi | Bildquelle: AFP

Nach dem Brexit-Votum Wut ist ein schlechter Ratgeber

Stand: 27.06.2016 21:33 Uhr

Bei den anstehenden Austrittsverhandlungen zwischen Großbritannien und der EU wäre es für die Unions-Vertreter ein Leichtes, die britische Regierung zu bestrafen. Gründe gäbe es genug. Die EU sollte dieser Versuchung jedoch widerstehen.

Ein Kommentar von Sebastian Schöbel, ARD-Studio Brüssel

Es wäre jetzt ein Leichtes für die Vertreter der EU, die britische Regierung zu bestrafen. Und wer könnte es ihnen verdenken? Für die hysterisch-unsachlich geführte Anti-Brüssel-Debatte vor dem Referendum. Für die an Unverschämtheit kaum zu überbietenden Beleidigungen, die Europaskeptiker vor allem der UKIP-Partei in den vergangenen Jahren über EU-Vertretern ausgekübelt haben. Für die wilden Spekulationen und faktenbefreiten Anschuldigungen. Die ständigen Nörgeleien. Die Sonderwünsche.

Und dann erst die Reaktionen nach dem Referendum: Die plötzlich einsetzende Panik, selbst im Brexit-Lager. Das peinliche Auf-Zeit-Spielen, schlecht getarnt als "Keep calm and carry on". Dazu die unfassbare Analyse des Chef-Brexiters, Boris Johnson, sein Land sei nun kein bisschen weniger europäisch.

Nein, die Briten können derzeit nur darauf hoffen, dass man ihnen nach Abschluss der anstehenden Austrittsverhandlungen zum Schluss nicht noch die europäische Tür ins Kreuz wirft. Mit Schmackes. Doch so angebracht diese Wut auch sein mag: Sie ist ein schlechter Ratgeber. Denn auch der Europäischen Union wird diese Scheidung weh tun. Und nicht nur aus den viel zitierten wirtschaftlichen Gründen.

Vertrauen zu gewinnen ist wichtiger, als Briten zu bestrafen

Es geht hier nicht nur um Arbeitsplätze oder Konjunkturdaten. Um Domino-Effekte oder ein Europa der zwei Geschwindigkeiten. Der Brexit beweist, dass das europäische Projekt das Vertrauen vieler EU-Bürger verloren hat - oder nie erobern konnte, wie im Fall vieler Briten. Dieses Vertrauen zu gewinnen oder zu stärken ist wichtiger als die Briten zu bestrafen für den Schaden, den sie der EU zugefügt haben.

Die EU-Vertreter sollten nun Gnade walten lassen: Lasst London den Zeitpunkt bestimmen, an dem der schmerzhafte Trennungsprozess beginnt. Pfeift die Außenminister der Gründerstaaten zurück, die sich zu Europas "bad cops" aufschwingen und zum Teil schon Rücktrittsforderungen nach London schicken. Zeigt allen Zweifelern, dass Europa selbst im Angesicht der Niederlage die Souveränität seiner Mitglieder respektiert - und widerlegt damit, was EU-Kritiker stets behaupten: Dass die EU ein "Monster" sei, bürokratisch, undemokratisch, hartherzig.

Die EU soll keine Konflikte schaffen

Was für eine kolossal dumme Idee dieser Brexit ist, werden die Briten von ganz alleine spüren. Die Aufgabe Brüssels muss nun sein, die zweifelnden Europäer daran zu erinnern, was der Kerngedanke dieses historisch einmaligen Projektes ist: Zusammenhalt und Solidarität. Und zwar auch mit jenen, die Europa als Ganzes infrage stellen. Die Europäische Union soll keine Konflikte zwischen Nationen schaffen. Sondern sie beenden.

Warum die EU die Briten nicht drängen sollte
S. Schoebel, ARD Brüssel
27.06.2016 20:50 Uhr

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