Kommentar

Konflikt im Irak Der Westen lässt seine Freunde im Stich

Stand: 17.10.2017 16:51 Uhr

Die Kurden im Irak erweisen dem Westen einen enormen Dienst, indem sie die Terrormiliz IS bekämpfen. Im Gegenzug erhoffen sie sich Unterstützung bei ihren Autonomiebestrebungen - doch im aktuellen Konflikt mit Bagdad lässt der Westen sie im Stich.

Von Carsten Kühntopp, ARD-Studio Kairo

Ob in Berlin, Washington oder Brüssel - betretene Mienen allenthalben: War es ein Fehler, den Peschmerga Waffen zu liefern? War es falsch, die irakische Armee aufzurüsten? Hätte sich die Konfrontation in Kirkuk verhindern lassen, wenn der Westen beide Seiten nicht munitioniert hätte? Die Fragen sind verständlich - und die Antworten klar: Nein, nein und nein.

Zur Erinnerung: Vor drei Jahren fegten die Horden des "Islamischen Staates" durch den Irak, mordend und plündernd. Die irakische Armee kollabierte, ihre Soldaten nahmen die Beine in die Hand und vor den Angreifern reißaus. Plötzlich standen die Dschihadisten unmittelbar vor Erbil, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. Und selbst Bagdad war in höchster Gefahr. Wenn die Peschmerga nicht nach Kirkuk marschiert wären, hätte der IS einige der größten Ölfelder des Landes in seine Gewalt gebracht.

Es fehlt die Diplomatie

Von ihren ehemaligen Hochburgen aus - Mossul im Irak und Rakka in Syrien - dirigierten die Fanatiker Terroranschläge mitten in Europa. Iraker jeder Volksgruppe und jeder Konfessionszugehörigkeit waren damals bereit, sich zu verteidigen, das perverse "Kalifat" wieder zu zerschlagen und den IS zu zerstören. Dass der Westen den Irakern dabei geholfen hat, mit Waffen und Training, war völlig richtig und auch im eigenen Interesse.

Doch leider blieb es bei der Militärhilfe - was fehlte, war die Diplomatie. Vor allem die Amerikaner, Freunde sowohl der Kurden als auch der Zentralregierung, konzentrierten sich zu sehr auf den Kampf gegen den IS. Dass seit dem Sturz von Saddam Hussein 2003 aber mehrere explosive Konflikte im Irak köchelten, schienen sie zu vergessen.

Bereits beim Referendum allein gelassen

Dieses Desinteresse zeigte sich auch, als die Kurden ihr Unabhängigkeitsreferendum ansetzten. Erst zwei Tage vor dem Abstimmungstermin unternahm der US-Außenminister einen ernsthaften Versuch, den Streit zwischen Erbil und Bagdad zu entschärfen. Mag sein, dass es verfassungsrechtlich in Ordnung ist, dass Kirkuk nun wieder unter die Kontrolle der Zentralregierung gestellt wurde. Politisch und moralisch okay ist es nicht, und die Kurden haben es nicht verdient.

Auch für uns im fernen Deutschland kämpften die Kurden gegen den IS - dabei kamen mehr als 1500 Soldaten ums Leben. Im Gegenzug hofften sie auf unsere Hilfe bei dem Bemühen, Zugeständnisse von Bagdad zu erhalten - also mehr Rechte für ihre Autonomieregion, die dann später vielleicht sogar mal unabhängig werden würde. Es war nicht das erste Mal, dass die Kurden von ihren Freunden im Stich gelassen wurden. Spätestens jetzt sollten die Diplomaten aus Berlin, Washington und Brüssel das korrigieren.

Kommentar: Kirkuk und die Kurden - Der Westen lässt seine Freunde im Stich
C. Kühntopp, ARD Kairo
17.10.2017 16:17 Uhr

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Über dieses Thema berichtete WDR 5 am 17. Oktober 2017 um 18:30 Uhr im "Echo des Tages".

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