Kommentar

Missbrauch in der Kirche Es gibt keine Ausreden mehr

Stand: 06.02.2019 17:52 Uhr

Mit seinen Äußerungen zum Missbrauch von Nonnen in der katholischen Kirche setzt sich der Papst selbst unter Druck. Er muss dafür sorgen, dass der Skandal aufhört und sich nicht wiederholt.

Ein Kommentar von Jörg Seisselberg, ARD-Studio Rom

Es reicht. Es gibt jetzt keine Ausreden mehr, nicht zu handeln oder auch nur auf Zeit zu spielen. Das gilt für die katholische Kirche insgesamt, aber besonders für den Papst selbst. Franziskus war bislang immer stark darin, Probleme zu benennen und Lösungen anzukündigen. Seine Bilanz konkreter Erfolge aber ist nach fast sechs Jahren mager.

Indem er jetzt das Problem des Missbrauchs von Nonnen durch Priester und Bischöfe so klar und unmissverständlich benennt, setzt Franziskus nicht zuletzt sich selbst unter Druck. Er ist der Papst, er ist der oberste Hirte seiner Kirche. Daher muss er dafür sorgen, dass der von ihm angeprangerte Skandal aufhört und sich nicht wiederholt. Franziskus' Verweis auf Widerstände in Teilen der Weltkirche hilft keinem der Opfer.

Vorfälle seit Monaten bekannt

Das jetzige Eingeständnis, dass in der katholischen Kirche auch Nonnen Schlimmes angetan wurde, kommt zudem wirklich überraschend. Mehrere Betroffene haben sich in den vergangenen Monaten zu Wort gemeldet. Trotzdem schockiert die Deutlichkeit, mit der Franziskus das Problem beschreibt. Von "sexueller Sklaverei" sprach der Papst. Ein Begriff aus dem schlimmsten Rotlichtmilieu.

Hier aber reden wir über etwas, das Millionen Menschen heilig ist: ihr Glaube und die Kirche, die ihn repräsentiert. Es macht die Sache kein Stück besser, dass der Vatikan heute verbreiten lässt, mit sexueller Sklaverei habe der Papst "Manipulation in Form von Machtmissbrauch" gemeint. Der Skandal bleibt unerträglich.

Papst will Botschaften setzen

Dass Franziskus seine Äußerungen einfach so rausgerutscht sind, ist wenig plausibel. Der Papst nutzt seine fliegende Pressekonferenz häufig, um Botschaften zu setzen. Manchmal lässt er Fragen zu schwierigen Themen auch ins Leere laufen. Diesmal aber hatte er sich ganz bewusst entschieden, die Frage zum Problem des Missbrauchs von Nonnen ausführlich und pointiert zu beantworten.

Er sah darin offensichtlich eine Gelegenheit, allen Bremsern innerhalb der Kirche kurz vor der Missbrauchskonferenz im Vatikan zu signalisieren: Niemand solle hoffen, bei diesem Thema mit einem windelweichen Kompromiss davon zu kommen.

In der Tat: Weiße Salbe ist keine Therapie. Was die katholische Kirche braucht, sind klare Regeln im Umgang mit sexuellen Straftaten. Regel Nummer 1 muss sein: Alle Täter in der Kirche, ungeachtet ihres klerikalen Rangs, müssen der ordentlichen Justiz und damit ihrer gerechten Strafe zugeführt werden. Kein Täter darf mehr gedeckt werden.

Offene Diskussion notwendig

Das heißt auch, es braucht eindeutige Regeln, wie überall auf der Welt in jeder katholischen Gemeinschaft, dass alle, die sich etwas zu Schulden kommen lassen, aus der Kirche entfernt werden. Und: Die katholischen Kirche braucht eine offene Diskussion über ihr Frauenbild und die Frage, wie sie in ihren Reihen mit dem Thema Sexualität umgeht.

Die Missbrauchskonferenz Ende des Monats muss hier Ergebnisse liefern. Und Papst Franziskus muss dafür sorgen, dass es sie gibt - ungeachtet aller von ihm angedeuteten internen Widerstände. Schafft er es nicht, droht Franziskus als eine der großen Enttäuschungen unter den Päpsten in die Geschichte einzugehen. Als jemand, der große Hoffnungen geweckt hat, aber nicht in der Lage war, das brennendste Problem seines Pontifikats zu lösen.

Redaktioneller Hinweis

Kommentare geben grundsätzlich die Meinung des jeweiligen Autors und nicht die der Redaktion wieder.

Kommentar: Missbrauch in der Kirche - Franziskus muss jetzt liefern
Jörg Seisselberg, ARD Berlin
06.02.2019 17:21 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 06. Februar 2019 um 17:23 Uhr in der Sendung "Studio 9".

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