Kommentar

Demonstranten verfolgen in Barcelona die Rede des Regionalpräsidenten Puigdemont. | Bildquelle: dpa

Katalonien Das Unvorstellbare

Stand: 28.10.2017 11:35 Uhr

In Katalonien ist das Unvorstellbare passiert - weil Populisten es auch hier geschafft haben, die Menschen mit nicht haltbaren Versprechen zu ködern. Nun wird Katalonien abhängiger denn je von Madrid. So wird es am Ende dieser Schmierenkomödie nur Verlierer geben.

Ein Kommentar von Marc Dugge, ARD-Studio Madrid

Das, was sich noch vor wenigen Monaten kaum jemand vorstellen konnte, ist passiert. Es ist einfach so passiert. Wie die Wahl von Trump. Wie der Brexit. Wie das Wahlergebnis der AfD. Jetzt haben Populisten auch in Katalonien einen Sieg errungen.

Auch hier haben Politiker den Menschen riesige Versprechen gemacht, die sie nicht halten können. Auch hier haben sie sie mit Lügen oder Halbwahrheiten geködert. Auch hier haben sie die Gesellschaft gespalten. Und auch hier richten sie einen Schaden an, den kommende Generationen ausbaden müssen.

Schmierenkomödie im Parlament

Sicher, die Republik Katalonien, die da ausgerufen wurde, existiert nur auf dem Papier. Sie ist ein hohles Versprechen. Es hat nicht mal drei Stunden gedauert, da hatte die Rajoy-Regierung Puigdemont und seine Minister schon abgesetzt.

Die Abgeordneten, die für die Unabhängigkeitserklärung verabschiedet haben, wussten natürlich, dass das geschehen würde. Wieder einmal haben in Barcelona Parlamentarier Theater gespielt. Nur etwas mehr als die Hälfte der Abgeordneten wollte bei dieser Vorstellung dabei sein, der Rest hatte schon vorher aus Protest den Saal verlassen. Es war der vorerst letzte Akt einer Schmierenkomödie, bei der viele Zuschauer zum Schluss nur noch fassungslos zusehen konnten.

Es bleibt nur Traurigkeit

Was bleibt, ist Traurigkeit - zum Beispiel bei jenen Spaniern, die sehen müssen, wie ihre Fahne von den Rathäusern gerissen wird. Die sich bewusst werden, wie viele Katalanen mit dem Projekt Spanien nichts mehr anfangen können - oft eher aus emotionalen als aus rationalen Gründen.

Die spanische Regierung wusste, dass in katalanischen Schulen, Medien und Bürgerinitiativen viele kräftig damit beschäftigt waren, Separatisten heranzuziehen und eine Nation zu schmieden, deren Haupteigenschaft vor allem darin besteht, nicht zu Spanien zu gehören.

Wegen der weitreichenden Autonomien - gerade bei Bildung und Kultur - blieb der spanischen Regierung nicht viel anderes übrig, als dem zuzusehen. Und doch hat sie es versäumt, der großen Erzählung der Separatisten etwas entgegenzusetzen. Das rächt sich jetzt. Viele, gerade junge Menschen in Katalonien, sind zutiefst davon überzeugt, keine Spanier zu sein. Mehr noch: Sie sind sogar stolz darauf.

Weniger statt mehr Unabhängigkeit

Traurig werden aber schon bald auch die werden, die heute noch die Unabhängigkeit feiern: Ihre Republik Katalonien wird so nicht kommen, formal hat sie sowieso nie existiert. Es ist geradezu tragisch: Statt mehr Freiheiten durch die Unabhängigkeit von Spanien zu bekommen, wie es sich so viele Katalanen erträumt haben, werden sie ab jetzt eng an der Leine geführt. Die Autonomierechte Kataloniens sind eingeschränkt. Keiner weiß, wie lange das dauern wird.

Rajoy blieb zum Schluss nichts anderes übrig, als diesen Schritt zu gehen. Carles Puigdemont hat ihm zuletzt keine andere Wahl gelassen. Ihm droht jetzt Haft. Der Präsident der Regionalregierung Kataloniens im Gefängnis: Auch das hat sich bis vor kurzem keiner vorstellen können.

Kommentar: Katalonien - Das Unvorstellbare
Marc Dugge, ARD Madrid, zzt. Barcelona
28.10.2017 08:45 Uhr

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