Kommentar

Proteste in Katalonien Enttäuschte Jugend probt den Aufstand

Stand: 19.10.2019 16:26 Uhr

Hinter den heftigen Protesten in Katalonien stecken neben Krawallmachern auch viele frustrierte Jugendliche. Sie sind bitter enttäuscht von nicht eingehaltenen Versprechen der Separatisten. Rechte Parteien nutzen das aus.

Ein Kommentar von Oliver Neuroth, ARD-Studio Madrid

Katalonien kopiert Hongkong. Zumindest macht es ein Teil der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung. Ihre Anhänger sehen, wie die Massen in der chinesischen Sonderverwaltungszone auf die Straße gehen, zu Zehntausenden, und mithilfe von brennenden Autos und Flughafen-Blockaden tagelang für ihre Sache kämpfen. Das produziert markante Bilder. Mit denen man Druck auf die Politik ausüben kann.

Der Teil der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung, der diese radikale Linie verfolgt, ist nicht leicht zu fassen. Es sind vor allem junge Menschen, die sich in den vergangenen Nächten vermummt Straßenschlachten mit der Polizei geliefert haben. Leute um die 20 Jahre und jünger. Viele von ihnen scheinen aus guten Verhältnissen zu kommen, aus bürgerlichen Familien, die Anhänger des katalanischen Separatismus sind.

Frustration entlädt sich auf der Straße

Diese Jugendlichen sind in einer Blase aufgewachsen. Ihnen wurde von ihren Eltern eingeredet, dass Spanien ein faschistischer Staat sei und Katalonien unbedingt eigenständig werden müsse. Ähnliches - leicht abgeschwächt - wird auch in katalanischen Schulen unterrichtet. Durch diese fatale Indoktrination wurde eine junge Generation in Katalonien herangezüchtet, die den harten Schnitt mit Spanien für unabdingbar hält. Diese Generation hatte Hoffnung in die katalanische Regionalregierung gesetzt, in das Referendum vor zwei Jahren. Doch es war ein verbotenes Referendum, zur Unabhängigkeit kam es nicht. Das löste Frustration bei den jungen Katalanen aus. Genau die entlädt sich jetzt auf der Straße. Viele der Krawallmacher glauben, nun sei der Zeitpunkt für eine Revolution gekommen.

Doch nicht nur diese Revolutionäre sorgen gerade für Unruhe in Barcelona, sondern auch junge Menschen, die einfach nur den Nervenkitzel suchen. Sie sehen die Gelegenheit, sich austoben zu können - sich mit der Polizei anzulegen, auszutesten, wie weit man gehen kann. Diese Gruppe wartete auf die Verkündung der Urteile gegen die Anführer der Separatistenbewegung. Die Höhe der Haftstrafen war ihnen egal. Sie suchten nur einen Anlass, für Radau zu sorgen und durchzudrehen. Dass es ihnen um die Show geht, zeigt sich darin, dass einige vor brennenden Autos für Selfies posierten.

Stimmungsmache durch rechte Gruppierungen

Doch in der Nacht von Donnerstag auf Freitag haben auch ultrarechte spanische Nationalisten mitgemischt. Sie sind nach Barcelona gereist, aus Wut gegen diejenigen, die "ihr Spanien" mutmaßlich auseinanderreißen wollen. Zum Glück hielt die Polizei diese Gruppe von den demonstrierenden Separatisten weitgehend fern - doch es gingen auch unerträgliche Bilder durch die sozialen Netzwerke, auf denen man sieht, wie Ultrarechte auf Katalanen mit Baseballschlägern losgegangen sind.

Angeheizt werden die spanischen Nationalisten von diversen politischen Parteien. Zum einen von der rechtspopulistischen Vox, der spanischen AfD. Sie ist groß geworden mit Stimmungsmache gegen die katalanischen Separatisten - genau wie die liberal-konservative Kraft Ciudadanos. Ihr Chef Albert Rivera verglich auf Twitter die Ausschreitungen von Barcelona mit Szenen in Syrien oder dem Irak. Geschmackloser geht es kaum.

Zunahme der Exzesse

Und es zeigt: Spanien ist im Wahlkampfmodus. Am 10. November wird ein neues Parlament gewählt. Die rechten Parteien nutzen die neue Katalonien-Krise für den Stimmenfang. Tatsächlich legen Vox und die konservative Volkspartei PP in Umfragen zu. Spaniens sozialdemokratischer Ministerpräsident Pedro Sanchez verliert dagegen Unterstützung.

Doch nicht die Politiker in Madrid sind die Hauptverantwortlichen für die Lage in Katalonien. Es ist die separatistische Regionalregierung dort. Ministerpräsident Quim Torra hat die Lage nicht im Griff. Er hatte die Menschen dazu aufgerufen, durch Massenproteste Druck auf Spanien zu machen - und so auf die Urteile gegen die Separatistenführer zu reagieren. Hunderttausende Katalanen sind friedlich auf die Straße gegangen. Doch die radikalen Demonstranten blendete Torra einfach aus.

Am Mittwoch - nach den ersten beiden Krawallnächten - hatte Torra vor Fernsehkameras die Gewalt mit keinem Wort erwähnt. Erst nachdem die spanische Regierung ihn explizit dazu aufforderte, legte er in der Nacht nach und verurteilte die Gewalt. Aber die Menschen hörten nicht auf ihn, die Exzesse nahmen sogar noch zu. Torra ist ein schwacher Regionalpräsident, der keine Kontrolle mehr über die Proteste hat. Und der die Dynamik einer weltweit vernetzten Protestbewegung à la Hongkong schlicht unterschätzt.

Kataloniens Jugend probt den Aufstand
Oliver Neuroth, ARD Madrid
19.10.2019 15:03 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 19. Oktober 2019 um 17:10 Uhr.

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