Kommentar

Betriebsversammlung bei Kaisers Tengelmann | Bildquelle: dpa

Für eine Rettung von Kaiser's Tengelmann Mitarbeiter müssen im Mittelpunkt stehen

Stand: 25.10.2016 20:08 Uhr

Ein Manager trifft über Jahre hinweg bei Kaiser's Tengelmann die falschen Entscheidungen, wirtschaftet das Unternehmen herunter. Die Konsequenzen daraus sollen jetzt Tausende Mitarbeiter tragen, die sich für die Firma aufgeopfert haben. Ein Unding.

Ein Kommentar von Gudrun Engel, WDR

15.600 Arbeitsplätze - um die geht es jetzt. Um 15.600 Menschen, die für Kaiser's Tengelmann arbeiten, und ihre Familien. Die meisten sind schon seit vielen Jahren treu im Unternehmen. Seit 15 Jahren sehen sie mehr oder weniger ohnmächtig dabei zu, wie ein Manager, wie Tengelmann-Chef Karl-Erivan Haub, durch Investitionsstau, Zögern und Zaudern keine gute Hand für das Geschäft beweist. Er hat den Laden heruntergewirtschaftet.

Seit Jahren schon verzichten die Mitarbeiter auf Weihnachts- und Urlaubsgeld, um ihre Jobs zu retten. Seit Monaten durchleiden sie die nervenaufreibende Hängepartie in dem Übernahme-Durcheinander. Sie verdienen Respekt und Solidarität. Der Streit, ob und wie stark sich der Staat in die Wirtschaft einmischen darf, hat eine lange Tradition in Deutschland. Aber wir leben in einer sozialen Marktwirtschaft. Das heißt: Wirtschaftsinteressen und soziale Interessen müssen in einer gesunden Balance sein.

Gabriel hat es richtig gemacht

Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel hat sich eingemischt: "Der Erhalt von Arbeitnehmerrechten dient dem Gemeinwohl" - so hat er seine Ministererlaubnis begründet. Weil es um Menschen geht und nicht nur um Märkte, Kapital und Gewinne. Gabriel hatte mit Edeka nicht nur eine Jobgarantie für fünf Jahre ausgehandelt - es würde weiterhin Tariflohn gezahlt, Betriebsratsstrukturen würden erhalten bleiben. Das ist derzeit nicht bei allen Edeka-Filialen der Fall.

Kein Schlecker-Trauma vor Weihnachten

Viele der 15.600 Mitarbeiter bei Kaiser's Tengelmann sind jenseits der 50. "Für die Rente zu jung, für einen neuen Job zu alt", bilanzierte eine Kassiererin frustriert. Auf dem Arbeitsmarkt werden die wenigsten der Stammbelegschaft noch eine realistische Chance auf einen Neuanfang haben. Der Niedergang von Opel in Bochum oder die Insolvenz von Schlecker sind plastische Beispiele dafür, dass das mit den Auffanggesellschaften gut gemeint, aber meist nicht gut gemacht wird.

Nur wenige schaffen tatsächlich den Übergang in einen neuen Job. Kaiser's Tengelmann sollte nicht zerschlagen werden - die Mitarbeiter und ihre Familien sollten kurz vor Weihnachten kein Schlecker-Trauma erleben müssen.

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