Kommentar

Boris Johnson | Bildquelle: REUTERS

Johnsons Rückzieher Pumuckl, nicht Churchill

Stand: 30.06.2016 17:41 Uhr

Boris Johnson ist ein großartiger Verkäufer, aber kein Staatsmann. Verantwortung ist nicht so sein Ding. Zumal das, was jetzt auf den nächsten Premierminister zukommt, nichts ist, womit man Lorbeeren erntet.

Ein Kommentar von Jens-Peter Marquardt, ARD-Studio London

Ein typischer Boris Johnson: großes Theater und dann am Ende, kurz bevor der Vorhang fällt, die große Überraschung. Einmal mehr wird klar: Johnson ist ein großartiger Verkäufer, aber kein Staatsmann. Manche sagen, er sei eine Mischung aus Pumuckl und Churchill. Heute zeigte sich, er ist ein Pumuckl, aber eindeutig kein Churchill.

Den Schlamassel aufräumen? Ach, nö

Boris Johnson war das Gesicht der Brexit-Kampagne, Demoskopen sagen, er allein habe zehn Prozent der Briten dazu gebracht, für den Austritt zu stimmen. Jetzt hätte er dafür die Verantwortung übernehmen müssen, jetzt hätte er derjenige sein müssen, der den Schlamassel aufräumt, in den er das Land geführt hat - doch das ist nicht Johnsons Ding. Deshalb wollte er ein Team bilden, mit Justizminister Michael Gove. Mit klarer Arbeitsteilung: Gove, der die harte Aufgabe übernimmt, die Details des Austritts mit der Europäischen Union zu verhandeln, Johnson, der Mann für die großen Auftritte in diesem Prozess.

Doch Gove realisierte gerade noch rechtzeitig, dass diese Arbeitsteilung nicht funktionieren wird, dass er mit dem "Bruder Leichtfuß" Johnson zusammen diese Jahrhundertaufgabe nicht stemmen kann. Deshalb kündigte Gove die Zusammenarbeit auf und warf selber seinen Hut in den Ring, im Kampf um den Top-Job der britischen Politik.

Keine Lorbeeren - weit und breit

Boris Johnson war also plötzlich allein zu Haus - und kniff. Wohl auch mit einem Hintergedanken: Das, was jetzt auf den nächsten Premierminister zukommt, ist nichts, womit man Lorbeeren erntet. Im Gegenteil: Camerons Nachfolger wird den Briten klar machen müssen, dass der Austritt des Landes aus der Europäischen Union nichts besser macht. Der Traum vom freien, souveränen Großbritannien mit glänzender wirtschaftlicher Zukunft wird schnell zerplatzen. Wenn es dem Land weiterhin gut gehen soll, dann wird Großbritannien Teil des Europäischen Binnenmarktes bleiben müssen, mit Pflichten, Gesetzen und Verordnungen, die in Brüssel beschlossen werden.

Es könnte sein, dass die Wähler dann erneut ihre Enttäuschung und Wut an ihrem Regierungschef auslassen, und dass dann irgendwann doch noch die große Stunde des Boris Johnson schlägt. Johnson war schon immer ein Spieler, gut möglich, dass er in diesem politischen Spiel jetzt schon eine Runde weiter denkt. Für den Moment aber kann das Land erleichtert sein, dass ihm dieser Pumuckl erspart bleibt, der das Chaos anrichtet, aber nicht wieder aufräumt.

Macht May jetzt die Drecksarbeit?

Theresa May, die neue Favoritin im Rennen um die Nachfolge Camerons, ist für die schwere Aufgabe besser geeignet. Doch auch sie wird keine Wunder vollbringen. Sie wird die Widersprüche des Brexits nicht lösen können. Sie wird hart dafür kämpfen, dass die Briten weiter Zugang zum Binnenmarkt haben, aber aus der Freizügigkeit der Arbeitnehmer in Europa aussteigen können. Ein solcher Ausstieg wäre ein zu hoher Preis - die EU sollte ihn nicht zahlen Denn diese Freizügigkeit ist ein Grundpfeiler der Europäischen Union, gibt sie ihn auf, dann bleibt nicht mehr viel von der Einheit Europas. Die anderen 27 und nicht die Briten sollten jetzt die Bedingungen für die britische Partnerschaft diktieren. Sonst würde der Ausstieg Großbritanniens wirklich der Anfang vom Ende der Europäischen Union.

Johnson tritt nicht an: Ein Kommentar
J.-P. Marquardt, ARD London
30.06.2016 17:38 Uhr

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 30. Juni 2016 um 17:00 Uhr.

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