Kommentar

Weinende Frau nach dem Anschlag auf einen Nachtclub in der türkischen Metropole Istanbul.  | Bildquelle: REUTERS

Terror in der Türkei Der Schock von Istanbul

Stand: 01.01.2017 17:33 Uhr

Die perfide Botschaft des Attentats von Istanbul scheint klar: Niemand ist sicher. Die türksiche Führung wird ihr Ziel, den Terror 2017 auszurotten, nicht erreichen, meint Reinhard Baumgarten.

Ein Kommentar von Reinhard Baumgarten, ARD-Studio Istanbul

Es ist schwer, die richtigen Worte zu finden. Wieder ein massiver Terroranschlag in der Türkei - der vierte in drei Wochen, und der achte innerhalb eines Jahres in Istanbul. An die 150 Terroropfer binnen Jahresfrist allein in der Metropole am Bosporus. Landesweit sind es viele Hundert.

Es ist schwer, die richtigen Worte für eine derart brutale Tat zu finden, die nur Leben vernichten, Leid erzeugen, die ganze Bevölkerung  verunsichern und terrorisieren will. Das neue Jahr beginnt für die Türkei mit einem Szenario des Grauens.

Wenige Stunden vor dem Blutbad in der Istanbuler Nobeldisko Reina hat Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan das türkische Volk noch auf harte Zeiten eingeschworen. Der Kampf gegen den Terrorismus werde mit unverminderter Härte fortgesetzt, hat er seinen Landsleuten verkündet. Die Türkei befinde sich in einer ähnlich bedrohlichen Lage wie zu Zeiten des Befreiungskrieges gegen ausländische Invasoren und Besatzer vor bald 100 Jahren.

Welche Worte können trösten?

Es wird immer schwerer, die richtigen Worte für die Eskalation von Gewalt und Terror in der Türkei zu finden. Welche Worte vermögen die vielen Menschen zu trösten, die seit Sommer 2015 Angehörige und Freunde durch Terrorangriffe verloren haben? Rache, Vergeltung, Sicherheit, Schutz?  Terrordrohungen, Terrorwarnungen und leider auch Terrorattacken gehören mittlerweile zum Alltag in der Türkei.

Niemand ist vor Terroranschlägen sicher - weder Soldaten und Sicherheitskräfte noch Diplomaten, weder Staatsanwälte und Richter noch Touristen, Geschäftsleute und Zivilisten. 500 bis 600 Menschen waren in der Nobeldisko Reina. Sie wollten Silvester feiern, tanzen, eine gute Zeit mit Freunden verbringen. Die perfide Botschaft des mutmaßlich allein agierenden Täters ist klar: nichts und niemand ist sicher. 17.000 Polizisten waren in der vergange­nen Nacht in der 15-Millionen-Metropole am Bosporus im Einsatz. Sie konnten das Blutbad nicht verhindern.

Stadt und Land sind verwundbar

Istanbul ist so verwundbar, die Türkei hat so viele weiche Ziele. Die Türkei befindet sich erklärtermaßen im Krieg mit mindestens vier Gruppierungen, die als Terrororganisationen angesehen werden: Der Gülen-Bewegung, der linksextremistischen DHKP-C, der kurdischen PKK und der Terrormiliz, die sich selbst "Islamischer Staat"nennt.

Es erscheint inzwischen nahezu unmöglich, Worte der Vermittlung, Mäßigung oder gar der Versöhnung zu finden. Die türkische Führung will "das Terrorproblem" mit Stumpf und Stiel ausrotten. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass das im neuen Jahr gelingen wird. Das Jahr hat mit einem Trauma begonnen. Es dürfte nicht das letzte in 2017 gewesen sein. Weder in der Türkei, noch weltweit.

Der Schock von Istanbul - Ein Kommentar von Reinhard Baumgarten
R. Baumgarten, ARD Istanbul
01.01.2017 17:04 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandradio Kultur am 01. Januar 2017 um 17:08 Uhr.

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