Kommentar

Ausschnitt eines Impfpasses mit den Wörteren:  "Masern, Röteln, Mumps" | Bildquelle: dpa

Gesetzentwurf reicht nicht Her mit der Impfpflicht!

Stand: 26.05.2017 16:34 Uhr

Krankheiten wie Masern sind hochansteckend - trotzdem lehnen einige Menschen Impfungen ab. Die Bundesregierung hat den Druck auf die Impfgegner nun erhöht. Doch das reicht nicht. Eine Impfpflicht muss kommen.

Ein Kommentar von Jörg Seisselberg, ARD-Hauptstadtstudio

Wer A sagt, sollte auch B sagen. Dies gilt auch für Gesundheitsminister Hermann Gröhe und seinen Plan für mehr Impfdisziplin. Impfmuffeln, die sich der Beratung der Gesundheitsämter verweigern, droht er mit saftigen Bußgeldern. Gut so! Eltern, die mit fragwürdigen Argumenten den Sinn von Impfungen gegen gefährliche Infektionskrankheiten in Frage stellen, spielen mit dem Leben ihrer Kinder. Deswegen ist es richtig, dass Gröhe die Daumenschrauben anzieht und Kitas Eltern melden sollen, die sich weigern, sich in Sachen Impfschutz aufklären zu lassen.

Aber nur schärfer zu kontrollieren, ist zu wenig. Um das Problem wirklich in den Griff zu bekommen, muss der Gesundheitsminister konsequent sein und "Ja" zu einer Impfpflicht sagen.

Große Lücken bei der Zweitimpfung

Dass in Deutschland viel für Prävention und Aufklärung beim Impfen getan wird, ist gut. Und die erreichte Impfquote ist nicht schlecht. Bei den Standard-Erstimpfungen - also beispielsweise gegen Masern, Mumps oder Keuchhusten - liegt die Quote bei 96 Prozent. Was aber umgekehrt bedeutet: Vier Prozent sind nicht geimpft. Einige zehntausend Kinder pro Jahr bekommen demnach keinen Schutz gegen die gefährlichen Infektionskrankheiten. Es gibt Handlungsbedarf, und zwar nicht zu knapp.

Offensichtlich sieht das grundsätzlich auch der Gesundheitsminister so und dreht daher an der Kontrollschraube. Die Kitas sollen zur Impfpolizei werden und dafür sorgen, dass sich alle Eltern die Beratung anhören, um sie davon zu überzeugen, ihre Kinder impfen zu lassen. Und später dann auch die Zweitimpfung nicht zu versäumen. Aber gerade hier treten in Deutschland die größten Lücken auf.

Pflicht, keine Kür

Trotz guter Aufklärung rutschen zu viele durch das Impfnetz. Aktuell ist jedes vierte Kind, das vier Jahre alt ist, kein zweites Mal geimpft. Das ist besorgniserregend. Denn, das kann man gar nicht oft genug sagen, wirklichen Schutz gibt es nur mit der zweiten Impfung. Millionen Deutsche dürften sich fälschlicherweise in Sicherheit wiegen und glauben, Masern und Co. könnten ihnen nichts anhaben. In Wirklichkeit sind sie der Gefahr voll ausgesetzt.

Gegen den laxen Umgang mit dem Impfschutz ist Aufklärung wichtig, eine gesetzliche Pflicht, wie sie andere Länder bereits haben, aber besser. Sie würde dafür sorgen, dass eine weitgehend lückenlose Erstimpfung in Deutschland durchgesetzt werden kann. Und sie wäre darüber hinaus eine starke Botschaft an alle: Impfen ist keine Kür, es ist nichts, was man machen, aber auch sein lassen kann. Impfen ist eine Pflicht. Das wäre die schärfste Ansage des Gesetzgebers, die helfen würde, dass mehr Eltern das Thema ernst nehmen und die notwendige Zweitimpfung für ihre Kinder nicht versäumen.

Die Impfpflicht würde den Kampf gegen Masern und andere Krankheiten noch erfolgreicher machen. Deswegen muss sie kommen.

Kommentar: Aufklärung ist gut, eine Impfpflicht wäre besser
J. Seisselberg, ARD Berlin
26.05.2017 13:12 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 26. Mai 2017 um 17:08 Uhr.

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