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Von Reinhard Baumgarten, ARD-Hörfunkstudio Istanbul
Griechenland verharrt am Abgrund. Das 130 Milliarden Euro schwere Hilfspaket wird die Hellenen nur vor dem sofortigen Absturz bewahren. Es wird kein Geld vom Himmel über Athen, Kreta und dem Peleponnes regnen lassen. Kein müder Cent wird davon zur Ankurbelung der griechischen Wirtschaft oder zur Rettung des Sozialsystems ausgegeben. Die 130 Milliarden Euro dienen dem Schuldendienst Griechenlands. Sie gehen an Finanzinstitute, um Zinsen zu zahlen, Außenstände umzuwidmen, Verbindlichkeiten abzuleisten.
Mit dem neuen Hilfspaket wurde Zeit gekauft. Es ist nur ein Schritt zurück vom gähnenden Nichts eines unkontrollierten Staatsbankrotts. Es ist ein wichtiger Schritt, dem schnell weitere Schritte folgen müssen. Griechenland hat sich auf ein Sparprogramm eingelassen, um diese Notfallhilfe zu bekommen, das der schwächelnden Konjunktur vollends den Garaus zu machen droht.
Der nächste wichtige und überfällige Schritt muss ein Konjunkturprogramm für Griechenland sein. Denn das Land wird unter den gegenwärtigen Umständen nicht allein auf die Beine kommen. Es braucht gewaltige Investitionen. Die können und werden nicht allein von öffentlichen Geldgebern kommen. Sie müssen vor allem aus der Wirtschaft kommen. Siemens, Phillips, Bosch, Nestle, BASF - große, aber auch kleine und mittelständische Unternehmen müssen erkennen, dass es sich lohnen kann, in Griechenland zu investieren. Nur wer sich Gewinne davon verspricht, wird in Griechenland investieren. Kapital kennt keinen Patriotismus. Einen Beleg dafür liefern überaus solvente Griechen, die rund um den Globus erfolgreich ihr Geld investieren, aber um ihre Heimat einen Bogen machen.
Geld allein wird den griechischen Kahn nicht wieder flott machen. Die Griechen müssen den eingefleischten Klientelstaat überwinden, sie müssen echte Reformen ins Werk setzen, um ihre Verwaltungen zu verschlanken und ihre Produktivität zu steigern. Millionen erfolgreiche Griechen rund um den Globus beweisen eindrucksvoll, dass die lahmende griechische Wirtschaft keine kulturellen, sondern strukturelle Ursachen hat.
Griechenland braucht keinen Marshallplan zum Wiederaufbau einer zerstörten Wirtschaft. Griechenland braucht ebenso wie Portugal, Spanien, Irland und auch Teile Italiens einen europäischen Masterplan, welchen Platz sie innerhalb des europäischen Wirtschaftssystems einnehmen können. Seit Einführung des Euros waren sie im Wesentlichen Dienstleister und Konsumenten, die sich vieles auf Pump geleistet haben. Deshalb stehen sie heute am Abgrund.
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