Kommentar

Griechenland Es bewegt sich was

Stand: 20.08.2018 13:41 Uhr

Die Finanzkrise hat Griechenland verändert, meint Michael Lehmann. Gerettet ist das Land zwar noch lange nicht, dennoch gibt es positive Entwicklungen - und Anlass zu verhaltenem Optimismus.

Ein Kommentar von Michael Lehmann, ARD-Studio Athen

Nein, der 20. August kann kein großes Jubelfest in Griechenland werden. Auch wenn Regierungschef Alexis Tsipras in den letzten Wochen Freudenstimmung verbreitet hat. Tsipras spricht von einem geradezu magischen Datum, von dem an sein Land finanziell von großen Lasten befreit ist und wieder auf eigenen Füßen stehen kann.

Das stimmt aber so nicht. Die Zeit nach dem dritten Milliarden-Hilfspaket wird für die allermeisten Griechen eine weiterhin harte und sparsame Zeit bleiben müssen.

Denn Griechenland bleibt hochverschuldet - die Kreditgeber werden weiterhin sehr genau überprüfen, ob das Land in Sachen Reformen und staatlichem Umbau seine Hausaufgaben macht. Und wenn die Finanzmärkte entscheiden sollten, dass es für Griechenland eben bald doch kein günstiges Geld mehr gibt, sondern relativ teure Kredite, dann könnten Griechenland auch wieder neue akute Geldsorgen drohen.

Vieles hat sich verändert

Noch allerdings schlägt durchaus auch die Stunde der Optimisten. Sie sagen zu Recht, dass viel geschehen ist im Land. Es werden mehr Steuern bezahlt und diese auch mit härteren Kontrollen eingetrieben. Es gibt ein leichtes Wirtschaftswachstum. Und die Bevölkerung hat jahrelang bewiesen, dass sie auch bei heftigen Kürzungen und immer neuen Steuererhöhungen bereit ist, die Zähne zusammenzubeißen.

Die Frage ist, was Griechenland den anderen, wohlhabenderen Ländern im Norden von Europa wert sein sollte. Und welche Ängste dort berechtigt, welche aber auch unnötig sind.

Tatsache ist, dass beispielsweise Deutschland zwar Geld geliehen, aber nicht - oder noch lange nicht - verloren hat. Griechenland ist als Reiseland während der Krise nochmal beliebter geworden. Auch Investoren sind nach Griechenland gekommen. Und nicht alle beklagen sich über quälend langwierige Bürokratie und Schwierigkeiten. Sondern freuen sich, für ihr unternehmerisches Risiko auch durchaus belohnt zu werden.

Ein wichtiger Partner im Südosten

Es gehört auch zur Wahrheit, dass Deutschland die Finanzkrise, die Griechenland ganz besonders gebeutelt hat, sehr schnell und sehr stark überwunden hat. In Griechenland wird das übrigens nicht nur mit Neid sondern auch mit viel Anerkennung kommentiert.

Und es gehört auch zur Wahrheit, dass vielen Griechen bewusst ist, welche Fehler in ihrem Land in den vergangenen Jahrzehnten passiert sind und was dringend in den nächsten Jahren noch alles verbessert werden muss.

Wir wohlhabenderen Länder in Europa sollten Griechenland als das sehen, was es ist und bleibt - ein wichtiger Partner im Südosten, ein schönes Reiseland mit liebenswerten Menschen. Und ein Land, das im schwieriger gewordenen Verhältnis zur Türkei fast automatisch bedeutender geworden ist an der EU-Außengrenze

Kommentar: Kein Grund zum Jubel, aber Anerkennung
Michael Lehmann, ARD Athen
20.08.2018 12:57 Uhr

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Über dieses Thema berichtete am 20. August 2018 NDR Info um 07:20 Uhr und die tagesschau um 12:00 Uhr.

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