Kommentar

Eurokrise und die Folgen Griechenland braucht mehr als nur Geld

Stand: 21.06.2018 21:11 Uhr

Griechenland hat wieder Geld. Doch dafür musste die Bevölkerung bluten. Für die Zukunft sollte der EU und der Regierung in Athen mehr einfallen als Kaputtsparen.

Ein Kommentar von Michael Lehmann, ARD-Studio Athen

Ach, wenn man doch einfach so die Zukunft eines Landes in Sitzungen beraten und beschließen könnte. Am Dienstag berieten nach längerer Zeit wieder einmal die Euro-Finanzminister über die Zukunft Griechenlands. Es ging um das vermutlich letzte große schwere Finanzpaket, das bis zum Sommer noch Griechenland zur Verfügung steht.

Danach wird manches anders sein in Griechenland - und vieles dennoch nicht. Denn die Krise und die Schwierigkeiten, die sie nach Griechenland gebracht hat, lassen sich nicht durch Beschlüsse von EU-Finanzministern aus der Welt schaffen.

Renten wurden nicht gezahlt, um das Polster zu schaffen

Das Geld, das der Finanzminister Griechenlands ab dem Spätsommer auf dem freien Kapitalmarkt besorgen will, muss mit neuen Zinsen geliehen werden. Das wird kosten und nur das milliardenschwere Finanzpolster, das die griechische Regierung in den letzten Monaten zusammengespart hat, kann verhindern, dass bei überteuerten Zinsen in Griechenland nicht das alte Leid von vorne beginnt.

In diesem Fall könnte sich der griechische Finanzminister mit eigenem Geld selbst einige Monate lang aus der Patsche helfen - so sein Plan. Doch das Ansparen des Finanzpolsters hat der Bevölkerung in den vergangenen Monaten Schmerzen bereitet.

Die schöne Milliardensumme ist nämlich nur deshalb zusammengekommen, weil Renten noch nicht oder nur teilweise ausbezahlt wurden, weil der Staat viele Leistungen an seine Bürger nicht erbracht hat. Das böse Wort vom Kaputtsparen nehmen längst nicht nur linke griechische Politiker in den Mund.

In Teilen blutet Griechenland tatsächlich aus

Griechenland und vor allem seine Menschen haben in der Krise extreme Opfer gebracht. Sie haben es verdient, dass der Rest Europas nicht nur an finanzielle Hilfen und mögliche neue Belastungen denkt, wenn es um die Zukunft Griechenlands geht.

Als die deutsche Bundeskanzlerin noch deutlich mehr Regierungszeit für dieses Thema übrig hatte, versprach sie mit großem Ernst in der Stimme, die Jugendarbeitslosigkeit in Griechenland als eines der ganz wichtigen Themen anzugehen.

Wenig bis gar nichts an deutschen oder anderen europäischen Initiativen ist passiert. Der Masterplan für mehr Jobs unter Berufsanfängern - Fehlanzeige. Stattdessen sind die Anreize für junge Griechen, für ihre erste gute Arbeitsstelle ins reiche Deutschland zu wechseln, eher noch gewachsen. In Teilen blutet Griechenland tatsächlich aus.

Was jetzt vor allem passieren muss? Ausländische Investoren sollten schnell und mutig in Griechenland Geld anlegen, Ideen unterstützen und auf die häufig exzellent ausgebildeten und geradezu arbeitswütigen jungen Menschen setzen. Nur dann kann es Griechenland am Ende auch wirklich schaffen, das Wort Krise von der Liste der am häufigsten gebrauchten Wörter zu streichen.

Griechenland braucht nicht nur finanzielle Unterstützung aus Europa
Michael Lehmann, ARD Istanbul zzt. Athen
21.06.2018 20:37 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 21. Juni 2018 um 19:12 Uhr.

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