Kommentar

Kommentar zum Germanwings-Bericht Die Opferrolle der Lufthansa ist zu einfach

Stand: 14.03.2016 02:52 Uhr

Für den Absturz der Germanwings-Maschine macht Lufthansa-Chef Spohr im ARD-Interview allein den Co-Piloten verantwortlich. Damit macht er es sich aber zu einfach. Die Sicherheit der Passagiere sei auf die zu leichte Schulter genommen worden.

Von Michael Heussen, WDR

"Wir vertuschen nichts, und es gibt auch nichts zu vertuschen" - Lufthansa-Chef Carsten Spohr betont im Interview mit der ARD seine Offenheit und Transparenz. Für den Absturz der Germanwings-Maschine vor einem Jahr sei allein der Co-Pilot verantwortlich. Wer 149 mit in den Tod reißt, sei kein Selbstmörder, sondern ein Täter, so Spohr.

Doch damit macht er es sich sehr einfach. Klar, Germanwings und der Mutterkonzern sind auch Opfer: Mitarbeiter von ihnen sind ums Leben gekommen, der materielle Verlust, die Entschädigungszahlungen, die Aufarbeitung der Katastrophe - das alles zehrt am Luftfahrtkonzern. Wenn aber zu all dem nicht noch ein immenser Imageschaden kommen soll, muss Spohr die Hebel umstellen. Bislang hat ihm sein Auftreten, sein Umgang mit den Opferfamilien, sehr viel Respekt eingebracht. Und auch zum Jahrestag will er mit den Angehörigen am Absturzort trauern. Dort will er aber bestimmt nicht erleben, dass ihm Unmut und Zorn von vielen Opferfamilien entgegenschlägt.

Denn die Lufthansa stellt es so dar, als wenn sie das Verhalten des Co-Piloten wie ein Blitz aus heiterem Himmel getroffen habe. Ein depressiver Mensch könne, wenn er einigermaßen intelligent sei, seine Krankheit kaschieren, und genau das habe der Co-Pilot getan, sagt Spohr. Dagegen sei man als Arbeitgeber nicht gefeit. Aber: Es gab viele Menschen, die wussten, dass Andreas L. krank war, und jetzt gilt es lückenlos aufzuklären, wer wann darüber im Bilde war.

Angehörige wollen tieferen Einblick in die Akten

Die Angehörigen, die mit ihren Anwälten in den nächsten Tagen in den USA Klage einreichen werden, wollen nicht nur höhere Entschädigungen erstreiten, als sie in Deutschland gezahlt werden. Sie wollen vor allem tieferen Einblick in alle Akten erreichen, die die Lufthansa über Andreas L. während seiner Ausbildung und während seines weiteren Berufslebens angelegt hat. Sie fragen sich, warum jemand, der freiwillig in einem Fragebogen angegeben hat, dass er mal unter einer Depression gelitten hat, nicht viel genauer in regelmäßigen Abständen von Fachärzten im Auftrag der Lufthansa untersucht wurde, ob es vielleicht einen Rückfall gegeben hat.

Lufthansa-Chef Spohr unterstützt die Forderung nach einer Aufweichung der ärztlichen Schweigepflicht, damit Ärzte - auch Betriebsärzte - ihre Untersuchungsergebnisse an die entscheidenden Stellen weitergeben können. Er befürwortet auch, dass Piloten und Co-Piloten bald unangemeldet auf Alkohol, Drogen und Medikamente untersucht werden können.

Ist Datenschutz höher als Unversehrtheit der Passagiere?

Bei beiden Forderungen durchzuckt einen als gelegentlicher Flugpassagier der Gedanke: Hat es das alles bislang etwa nicht gegeben? Ist es bis heute immer noch möglich, dass die Verantwortung für das Leben von hunderten Passagieren in den Händen von möglicherweise betrunkenen, depressiven Menschen im Cockpit liegt - und die Fluggesellschaften können nichts dagegen tun? Herzschlag und Augendruck werden vom Flugmediziner gemessen, aber ob der Pilot am Vorabend ordentlich Kokain geschnupft hat, ist egal? Welches Gut hängt da eigentlich höher: das der körperlichen Unversehrtheit der Passagiere, die ihm anvertraut sind, oder das des Datenschutzes der Piloten?

Nein, die Lufthansa macht es sich zu einfach, wenn sie sich selbst als Opfer eines einzelnen Täters darstellt. Es ist ihr und den sie überwachenden Behörden anzukreiden, dass der Umgang mit der Sicherheit der Passagiere zu sehr auf die leichte Schulter genommen wird, nur weil man es sich nicht vorstellen konnte, dass einer der eigenen Leute zu solch einer Tat fähig ist. Vertrauen ist gut, aber Kontrolle ist besser. Denn man wird einfach das Gefühl nicht los, dass bislang jeder Busfahrer besser überprüft wird als ein Verkehrspilot.

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