Kommentar

Trumps Nein zum G7-Abschluss "Ihr könnt mich sehr gern haben"

Stand: 10.06.2018 06:29 Uhr

Der US-Präsident gibt die Mimose und zieht seine Zustimmung zum G7-Papier zurück. Und das alles nur, weil Kanadas Premier Trudeau nicht länger "Mr. Nice Guy" spielen wollte.

Ein Kommentar von Georg Schwarte, ARD-Studio New York, zzt. Quebec

42 Jahre G7, 42 Jahre Wertegemeinschaft. Für diesen amerikanischen Präsidenten ist die faktische Aufkündigung der Gemeinsamkeiten mit dieser Wertegemeinschaft ein Tweet wert.

Wer noch Zweifel hatte, dass es dem US-Präsidenten nicht nur an Stil, sondern auch an moralischer Größe fehlte, der hat heute dazugelernt. Aus der Luft und aus dem Bauch und aus heiterem Himmel noch dazu schickt er den sechs anderen Teilnehmerstaaten ein freundliches "Ihr könnt mich sehr gern haben" hinterher.

Nie zuvor in der Geschichte von internationalen Gemeinschaften hat es so etwas gegeben. Bis eben er kam. Trump. Der Mann, der austeilt, wie kein Zweiter, der aber niemals einstecken konnte, er gibt die Mimose, weil der kanadische Premier Trudeau nicht länger "Mr. Nice Guy" sein wollte.

Die Welt darf sich getrost fragen, ob der Mann im Weißen Haus noch bei Trost ist. Donald Trump. Der Sitzriese mit dem Talent zum vollendeten Timing von Unverschämtheiten. Der Mann, der es mag, wenn seine tolldreisten Provokationen wie Steine in den See der rehäugig staunenden Rechtgläubigen fliegen und die konzentrischen Kreise alles und alle erfassen.

Trump will den Ton angeben

Dieser Donald Trump ist einer, der es genießt, wenn es tost und bebt, solange er es auslösen durfte. Er kam als letzter zum G7-Treffen. Ging als erster. Weil er schon da keine Lust mehr hatte. Weil er nach innen und außen demonstrieren wollte, Schluss ist, wenn ich es sage.

Während die anderen artig an der Tagesordnung kleben und gerade über Geschlechtergerechtigkeit diskutieren, steht er flegelhaft draußen vor der Tür und sagt: Er fliegt jetzt weiter. Nach Singapur. Geschichte schreiben beim Nordkorea-Gipfel. Den Rest - das war die Botschaft - kriegen die anderen Regierungschefchen, des G6-Kindergartens jetzt auch allein ohne mich hin.

Dass Gastgeber Trudeau danach aber erklärte, Kanadier seien höflich und freundlich, ließen sich aber nicht herumkommandieren, dass er die amerikanischen Zölle auf kanadischen Stahl und Aluminium eine Beleidigung nannte, reicht einem Donald Trump, um zwei Tage Gipfel, 40 Stunden Verhandlungen und den mehr als guten Willen der sechs anderen mit Füßen zu treten.

Abschlusspapier - ohnehin ein Armutszeugnis

Donald Tusk, der EU-Ratspräsident, hatte vor Gipfelbeginn gesagt, Trump untergrabe die internationale Rechtsordnung, die von den USA einst maßgeblich mitgestaltet wurde. Der jüngste Tweet, der neueste Eklat, Kündigung via Twitter - nur ein trauriger Beleg dafür, wie Recht Tusk hatte.

Die jetzt von Trump mit großem Tusch aufgekündigte Abschlusserklärung, sie war ohnehin ein schlechter Witz. Der gemeinsame Nenner, er konnte gar nicht klein genug sein. Oder wie die Kanzlerin es beim Thema Handel formulierte: Die Tücke stecke weiter im Detail.

Das Problem ist nur, dass diesen US-Präsidenten Details so wenig interessieren wie Recht, Regeln oder Gesetz. Sein Recht: das des Stärkeren. Sein Gesetz: teile und herrsche. Seine Regel: America First. Sein Vorteil: Die Schwäche der Institutionen, die er so lustvoll attackiert. Die Europäische Union, nur ein trauriges Beispiel.

Merkel hatte am Freitag erklärt, sie halte nichts davon Meinungsverschiedenheiten zuzukleistern. Jetzt sollte sie und die anderen Mitglieder der ehemaligen G7 Wort halten. Sie, die neuen G6, können Trump beim nächsten Mal einladen. Als Gast. Und ihm dann sagen, wann er wieder gehen soll. Notfalls via Twitter. Die Sprache versteht der amerikanische Präsident.     

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Dieser Beitrag lief am 10. Juni 2018 um 06:25 Uhr auf MDR aktuell.

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