Kommentar

Das Paradox Franziskus Arroganz statt Barmherzigkeit

Stand: 10.10.2018 19:43 Uhr

Verzweifelte Mütter sind Auftragsmörderinnen? Papst Franziskus knickt in einem entscheidenden Moment für die Zukunft seiner Kirche vor Hardlinern ein, statt wahre Barmherzigkeit zu zeigen.

Ein Kommentar von Tilmann Kleinjung, BR

Es geht um die Zukunft der Kirche, um die Jugend. Bischöfe aus aller Welt beraten gerade bei einer Synode in Rom über Fragen, die jungen Katholikinnen und Katholiken wichtig sind. Und das sind natürlich auch die klassisch-katholischen Reizthemen: Empfängnisverhütung, Homosexualität, Schwangerschaftsabbruch.

Vorsichtig gesagt: Die katholische Sexualmoral spielt in der Lebensplanung auch gläubiger Menschen keine große Rolle mehr. Und die katholische Kirche ist dabei, auch den letzten Rest an Glaubwürdigkeit und Mitspracherecht zu verspielen.

Während die Aufarbeitung des Missbrauchsskandals in den katholischen Kirchen Amerikas und Europas einen Abgrund an Verbrechen, Vertuschung und Doppelmoral offenbart, teilt der Papst gegen Frauen aus, die abgetrieben haben.

Verhöhnung und Verletzung von Opfern

Der Vergleich zwischen einem Schwangerschaftsabbruch und einem Auftragsmord ist nicht nur drastisch, schief oder ein bisschen danebengegangen. Er ist grundfalsch. Franziskus verletzt und beleidigt Frauen, indem er ihnen eine Killermentalität unterstellt. Er kriminalisiert Ärzte und verhöhnt dabei auch noch die Opfer echter Verbrechen.

Als Christ und Papst muss Franziskus für den Schutz ungeborenen Lebens eintreten. Aber bitte ohne verbale Gewaltorgien. Aus seinen Worten spricht eine Arroganz, die man diesem Papst nicht zugetraut hat: Als würden sich Frauen leichtfertig für einen Abbruch entscheiden.

Kein Beitrag zur Lösung

Das Paradox Franziskus: Dieser Mann, der mit Barmherzigkeit die Welt verändern will, fällt ein gnadenloses Urteil über Menschen in Notsituationen. Dieser Papst, der in moralisch kniffligen Situationen auf die Gewissensentscheidung des Einzelnen setzt, spricht Frauen in einem Schwangerschaftskonflikt dieses Recht ab.

Er mag damit die konservativen Hardliner, die gerade so heftig gegen ihn wettern, besänftigen. Zur Problemlösung trägt er nichts bei. Besser wäre es, Frauen in Notsituationen zu unterstützen, sie zu beraten, sie in ihren Rechten zu stärken, statt sie zu verteufeln.

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 10. Oktober 2018 um 20:00 Uhr.

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