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Kommentar: Flucht vor dem Vergangenen
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Flucht vor dem Vergangenen

Von Reinhard Baumgarten, ARD-Hörfunkstudio Teheran

Wie viele Armenier in den Wirren des Ersten Weltkriegs umgekommen sind, kann niemand genau wissen. Darüber, wo und wie sie umgekommen sind, gibt es Zeugnisse, Berichte und Aufzeichnungen. Nicht nur in den türkischen Archiven, sondern auch in den Archiven der einstigen Alliierten und Gegner - also in Berlin, Paris und Moskau.

Was bisher bekannt, wissenschaftlich ausgewertet und historisch aufbereitet worden ist, ist nur die Spitze eines Eisberges. Seit Jahrzehnten weigert sich die Türkei als Rechtsnachfolgerin des Osmanischen Reiches, die dunkle Seite ihres Erbes anzuerkennen und Licht in die Ereignisse zu bringen. Wer von Völkermord sprach, wurde gerichtlich verfolgt. Nobelpreisträger Orhan Pamuk ist ein prominentes Beispiel dafür.

Audio: Kommentar: Flucht vor dem Vergangenen

AudioReinhard Baumgarten, ARD-Hörfunkstudio Istanbul 22.12.2011 00:26 | 3'06
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Geschichte fängt nicht bei Null an

Die Türkei, so der Gründungsmythos, ist aus den Ruinen eines überkommenen und abgewirtschafteten Großreiches entstanden, hat bei Null angefangen und somit keine Schuld auf sich geladen. Doch Geschichte hat ihre Geschichten und fängt niemals bei Null an.

Seit Jahrzehnten dient das kollektive Trauma des hunderttausendfachen Todes Exil-Armeniern rund um den Globus als Kit für eine gemeinsame nationale und ethnische Identität. Beide Seiten hätten sehr gute Gründe dafür, die blutigen Ereignisse von 1915 aufzuarbeiten. Doch beide Seiten glauben bislang, es sei besser, an ih­ren jeweiligen Positionen festzuhalten.

Die Holzhammermethode ist der falsche Weg

Völkermord, Massenmord, Kriegsverbrechen oder Kriegsopfer - die Bezeichnung der Ereignisse hängt von der Sicht des Betrachters ab. Fest steht: Die Türkei muss sich ihrer osmanischen Vergangenheit stellen. Mit der Holzhammermethode lässt sich Ankara dazu nicht bewegen. Das zeigen die Reaktionen aus der türkischen Hauptstadt deutlich. Und der französische Weg ist die Holzhammermethode, die mehr mit innerfranzösischem Wahlkampf als mit Geschichtsaufarbeitung zu tun hat.

Präsident Sarkozy möchte demnächst wiedergewählt werden. Deshalb hofft er auf die Stimmen von mehreren Hunderttausend Wählern armenischer Herkunft. Aus wahltaktischen Gründen riskiert Sarkozy eine schwere Krise mit der Türkei. Politisch ist das Torheit pur, weil es die wachsende Bedeutung Ankaras ignoriert - zum Beispiel in der aufgewühlten arabischen Welt.

Die Pflicht der Vergangenheitsbewältigung

Bei der Vergangenheitsbewältigung schalten die Türken wieder auf stur. Erkennbare Ansätze zur Aufbereitung der türkisch-armenischen Geschichte dürften erneut von nationalistischem Trommeln übertönt werden. Besser ist hier die Politik der Annäherung. Seitdem die Türkei EU-Beitrittskandidat ist, sind auch Kapitel dunkler Vergangenheit angerührt worden. Seitdem die Verhandlungen stocken, hat es bei der Aufarbeitung von Verbrechen an Armeniern, Kurden, Aleviten und anderen Minderheiten kaum noch Fortschritte gegeben. Will die Türkei Teil der EU und ihrer Werte werden, muss sie sich dazu bekennen. Und dazu gehört die unvoreingenommene Aufarbeitung begangener Verbrechen.

Stand: 22.12.2011 04:44 Uhr

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