Kommentar

Wahlplakate von Le Pen und Macron | Bildquelle: REUTERS

Wahl in Frankreich Der große Knall

Stand: 24.04.2017 10:52 Uhr

Im Falle eines Sieges bei der Stichwahl wartet eine gewaltige Aufgabe auf Macron: Er muss die Franzosen mit der Demokratie versöhnen. Gelingt ihm das nicht, könnten populistische Parteien in ganz Europa davon profitieren.

Ein Kommentar von Marcel Wagner, ARD-Studio Paris

Man hat den Aufschlag bis Paris gehört. So groß waren die Steine, die in Berlin, Brüssel und anderen europäischen Hauptstädten, aber auch in Teilen Frankreichs gestern Abend um Punkt 20 Uhr vielen Menschen vom Herzen gefallen sind.

Der junge, sympathische, europafreundliche Emmanuel Macron hat es in den zweiten Wahlgang geschafft. Klar, die schmuddelige, nationalistische Marine Le Pen auch. Aber was heißt das schon? Die schlägt der junge Shooting-Star in der Stichwahl in zwei Wochen - wenn es sein muss im Halbschlaf. Und dann können wir endlich wieder alle ruhig schlafen. Europa ist gerettet. In den Bankhäusern knallen schon die die Champagnerkorken.

Keine Frage: Alles andere wäre eine Horrorvorstellung. Ein Frankreich, regiert von Rechts- oder Linksextremisten, die unter Demokratie verstehen, ihre fragwürdigen Ideen von Politik knallhart und kompromisslos durchzusetzen. Die ein vereintes Europa, das uns Jahrzehnte des Friedens und Wohlstands bescherte, aus ideologischen Gründen aufs Spiel setzen. Die politische Gegner beschimpfen, auspfeifen, lächerlich machen. Das kann niemand wollen. Und die Französinnen und Franzosen haben ganz gewiss Besseres verdient.

Zwischen Angst und Protest

Aber was haben die sich eigentlich erhofft? Um das zu verstehen, muss man sich das Wahlergebnis schon ein wenig genauer anschauen. Gerade einmal rund 24 Prozent der Stimmen konnte Macron auf sich vereinen. Rechts- und Linksextreme haben zusammen ganze 40 Prozent erreicht. Diese 40 Prozent sind in ihrer übergroßen Mehrheit weder autoritäre Nationalisten noch verbohrte Altkommunisten. Manche haben sich aus irrationalen Ängsten heraus für die Extreme entschieden. Viele wollten aber einfach nur ihrem Protest Ausdruck verleihen. Darüber, dass der Einfluss von Wirtschaftslobbies auf Politik aus ihrer Sicht oft größer ist als der der Bürger.

Keine Frage: Emmanuel Macron ist ein Hoffnungsträger. Doch mehr als die von Brüssel oder Berlin, muss er die Hoffnungen vieler enttäuschter Franzosen erfüllen, um sie möglichst schnell mit ihrem politischen System, der freien und offenen Demokratie wieder versöhnen. Wenn ihm das gelingen soll, muss in Berlin oder Brüssel in vielen Bereichen ein Umdenken einsetzen. Weiter so wie bisher, damit kann Macron seinen Landsleuten nicht kommen. Hat er Erfolg, kann das ein Signal für ganz Europa sein. Scheitert er, werden die Populisten bald vielleicht noch mehr als 40 Prozent holen - nicht nur in Frankreich.

In Paris waren die Steine zu hören, die Politikern in Berlin und Brüssel vom Herzen gefallen sind. Hoffentlich haben sie dort auch den Knall gehört, der sich gestern Abend in Frankreich ereignete.

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Über dieses Thema berichteten am 24. April 2017 tagesschau24 um 11:00 Uhr und NDR Info um 08:53 Uhr.

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