Kommentar

Flüchtlingskrise Das Bild Europas? Erbärmlich!

Stand: 20.08.2015 17:11 Uhr

Von "Werten" und "Solidarität" ist in Europa gerne die Rede. Die Realität sieht anders aus: Ungarn baut Schutzzäune gegen Flüchtlinge, die Slowakei will lieber Christen als Muslime - und die EU-Kommission? Die ist im Sommerschlaf. Das Bild, das Europa gerade abgibt, ist erbärmlich.

Von Kai Küstner, WDR-Hörfunkkorrespondent Brüssel

Europa schmückt sich gerne mit allerlei wohlklingenden Titeln: "Werte-Gemeinschaft", "Solidar-Gemeinschaft" und - nicht zu vergessen - "Friedensnobelpreisträger" zum Beispiel. In diesen Tagen sollte die EU mindestens rot anlaufen vor Scham deswegen. Oder besser noch: geloben, diese Titel nie wieder zum Selbstlob zu verwenden. Zu erbärmlich ist das Bild, das Europa angesichts der Flüchtlingskrise abgibt. Nur kurz zur Erinnerung: Wir waren selbst einst ein Auswanderungskontinent.

Briten tun so, als drohe ihre Insel im Meer zu versinken

Durchaus ärmere Länder wie die Türkei oder der Libanon haben es mit Millionen von Syrien-Flüchtlingen zu tun. Die reiche EU schafft es noch nicht mal, 40.000 Schutzsuchende fair aufzuteilen. Stattdessen ziehen die Ungarn lieber einen Zaun an der Grenze zu Serbien hoch. Die Slowakei verkündet jetzt ganz ungeniert, sie wolle keine muslimischen Flüchtlinge. Dafür ist ihr noch nicht einmal die Ausrede zu billig: Es gebe ja gar keine Moscheen im Land. Und die Briten tun so, als würde ihre Insel im Meer versinken, wenn noch ein paar Menschen ihren Fuß darauf setzen.

Werte-Gemeinschaft? Solidar-Gemeinschaft? Während nun in Europa die Grenzen überall dort, wo eigentlich ja keine mehr sein sollten, wieder sichtbar werden, ist der Egoismus der Einzelstaaten genau das Gegenteil: grenzenlos nämlich.

Das Elend in der Welt wird nicht verschwinden

Und die EU-Kommission? Befindet sich - vielleicht erschöpft vom Griechenland-Drama - im Sommerschlaf. In Calais zum Beispiel ist bislang kein EU-Offizieller gesichtet worden. Dabei hätte Brüssel gerade jetzt die Chance - oder vielmehr die Pflicht - seine ja richtigen Ideen einer fairen Flüchtlingsverteilung in der EU oder die Öffnung legaler Wege nach Europa voranzutreiben.

Das Hauptproblem aber sind und bleiben die europäischen Hauptstädte. Die müssen jetzt handeln. Das Elend in der Welt und diejenigen, die ihm zu entfliehen versuchen, werden nicht verschwinden. Was aber verschwinden kann, ist das Bild eines Europas, das eine Seele hat.

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