Kommentar

Familienpolitik auf dem Prüfstand Gut gemeint statt gut gemacht

Stand: 04.02.2013 14:54 Uhr

Von Eva Lell, BR, ARD-Hauptstadtstudio

Das Gegenteil von gut ist gut gemeint. Dieser viel zitierte Satz trifft auf die deutsche Familienpolitik zu, denn Kindergeld, Ehegattensplitting und Co führen nicht dazu, dass in Deutschland mehr Kinder geboren werden. Im internationalen Vergleich gibt Deutschland mit 200 Milliarden Euro jährlich viel für Familien aus, mit wenig Wirkung. Es ist altbekannt, dass die Geburtenrate hierzulande rückläufig ist.

Die deutsche Familienpolitik unterstützt nicht Familien in ihrem Alltag, sondern alimentiert eine althergebrachte Ideologie, nach der das Kind in den ersten drei Jahren ausschließlich seinen Platz in der Familie hat, und in der die Ehefrau und Mutter mittags den Kindern eine warme Mahlzeit auftischen und sie liebevoll nach ihrem Schultag fragen soll, am besten bis zum Abitur.

Jeder wie er will

Es steht jeder Familie frei, dieses Modell zu wählen, wenn sie so leben will und es sich leisten kann. Aber fördern sollte es der Staat nicht. Aufgabe des Staates ist es, dafür zu sorgen, dass es ausreichende, flexible und bezahlbare Betreuungsmöglichkeiten gibt. Es entlastet Familien, wenn Schule nicht gleich Stress ist, wenn die Eltern nicht teuer Nachhilfe bezahlen müssen, wenn Sport- und Musikangebote in den Schulalltag integriert sind. Dafür hat die Politik zu sorgen.

Familienpolitik kostet Geld

Und ja, das kostet viel Geld. Aber Deutschland hat ja viel Geld für Familien übrig, jetzt müsste es nur noch richtig eingesetzt werden. Da stöhnt die konservative Seele vor Schmerz auf, sieht den Hort der Seligkeit, die Familie, schwinden und empört sich darüber, dass Familie unter wirtschaftlichen Kriterien betrachtet wird, wenn Forscher vorrechnen, wie viel dem Staat entgeht, wenn Frauen nicht arbeiten. Spätestens dann, wenn Frau 20 Jahre daheim war, Mann sich mit 50 eine Jüngere sucht, sie erst einen unterbezahlten Job annehmen muss und in der Rente so richtig merkt, dass sie wenig eingezahlt hat - spätestens dann erkennen alle Beteiligten, dass sich Familie nicht aus wirtschaftlichen Zusammenhängen auskoppeln lässt.

Eltern müssen einfordern

Ja, und auch dieser Kommentar kommt nicht ohne Hinweise aus, was Familien noch brauchen: bezahlbaren Wohnraum, Arbeit mit Perspektive, Flexibilität und Verständnis. Richtig ist aber auch: Eltern müssen das einfordern, vor allem die Väter. Dann merken Chefs, Kollegen und andere Paare hoffentlich, dass Kinder kein Karrierehemmnis sein müssen. Dann kann sich Deutschland auch familienfreundlich nennen, und nur dann klappt's auch mit mehr Geburten.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 4. Februar 2013 um 20:00 Uhr.

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