Kommentar

ADFC-Studie Mehr Radverkehr ist gut für alle

Stand: 09.04.2019 13:00 Uhr

Fahrradfahrer haben es in Deutschland schwer. Statt Lippenbekenntnissen braucht es Radschnellwege. Die gibt es aber nur, wenn dem motorisierten Verkehr Platz abgeknapst wird.

Ein Kommentar von Martin Gent, WDR

Die Auto-Zulassungszahlen steigen, als gäbe es kein Morgen. Eine Autoschwemme verstopft die Städte, allein im letzten Jahr kamen 600.000 Autos hinzu. Für Radfahrer wird wenig getan, Fahrradfreundlichkeit bleibt allzu oft ein Lippenbekenntnis.

Im ADFC-Test hagelt es schlechte Noten und drei Viertel der Befragten sagen, dass man Kinder nur mit schlechtem Gefühl alleine Rad fahren lassen kann. Verkehrte Welt. Der Blick auf gute Radwege hat sich in den letzten Jahren grundlegend gewandelt, regelrecht gedreht.

Überholen auf Tuchfühlung

Schon länger ist klar, dass handtuchschmale Radwege auf dem Gehweg nichts taugen. Eingekeilt zwischen aufschlagenden Autotüren, Werbetafeln, Bushaltestellen und Straßencafés lässt sich nicht vernünftig Rad fahren. Konflikte mit Fußgängern sind programmiert, jede Kreuzung und Einmündung wird zum Risiko.

Dann kam die Zeit der Radfahrstreifen am Rand der Fahrbahn, im besten Falle von dieser mit einer durchgezogenen Linie getrennt und eingefärbt. Die Billiglösung sind so genannte "Schutzstreifen", mit gestrichelter Linie abgetrennte Fahrbahnränder. Motto: Sichtbarkeit bringt Sicherheit. Die hartgesottenen Radfahrer sind auf diesen Streifen flott unterwegs. Aber schön ist anders. Und obwohl 1,50 Meter Überholabstand immer Pflicht sind, provoziert die vermeintliche Aufteilung der Fahrbahn Überholen auf Tuchfühlung.

Autos sollen draußen bleiben

Die Perspektive hat sich - wie gesagt - gedreht. Für Hauptachsen heißt das Schlagwort: "Protected Bike Lanes", geschützte Radfahrbahnen. Die sind breiter als Radfahrstreifen, oft so breit wie eine Autofahrspur. "Bike Lanes" sind vom motorisierten Verkehr getrennt - durch Blumenkübel, Borde oder Beete. Autos sollen draußen bleiben.

Ziel ist eine Infrastruktur, die einlädt zum vergnüglichen Rad fahren - und zwar alle. Nicht nur die, die jetzt schon Rad fahren, sondern auch Kinder, Unsichere, Rad-Wiederentdecker und ältere Semester.

Dazu reichen "Bike Lanes" nicht. Denn Radfahren neben dem Autostrom bleibt schon wegen Lärm und Abgasen ein zweifelhaftes Vergnügen. Erschlossen werden Fahrradstädte durch ein Netz komfortabler, abgasfreier, grüner Wege durch Parks und Wohngebiete.

Bocholt als deutsches Vorbild

Vorbild ist das niederländische Houten. In der Vorstadt von Utrecht wird fast jeder zweite Weg mit dem Rad zurückgelegt. Aber auch Bocholt im Münsterland tut was. Im aktuellen Ranking hat die 70.000-Einwohner-Stadt zum sechsten Mal in Folge einen Spitzenplatz erreicht - mit attraktiven Radwegen in Grünzügen, Radschnellwegen und einem Radwegenetz fast ohne Lücken. Mit dem Rad ist man in Bocholt schneller und angenehmer unterwegs, schon weil es in der City keine kostenlosen Auto-Parkplätze mehr gibt.

Denn das muss allen klar sein: Der Platz für attraktive Fahrradstecken fällt nicht vom Himmel, sondern muss dem motorisierten Verkehr abgeknapst werden. Mit der Strategie "Allen wohl und keinem weh" kommt man keinen Zentimeter weiter. Die Zeit ist reif, hier hat der Fahrradclub ADFC Recht: Mehr Radverkehr ist gut für alle: Menschen, Städte und das Klima.

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