Kommentar

Flüchtlingskrise Europa droht zu zerfallen

Stand: 15.09.2015 19:55 Uhr

Die EU-Staaten müssen in der Flüchtlingskrise dringend gemeinsam handeln. Sonst droht Europa zu zerfallen. Grenzkontrollen und Zäune werden die Menschen nicht von der Flucht abhalten. Das müssen endlich alle verstehen.

Von Karin Bensch, ARD-Studio Brüssel

Europa wird zersplittern, in viele kleine Einzelstaaten, wenn die Mitgliedsländer es nicht hinbekommen, endlich einen gemeinsamen Kompromiss zu finden. Wenn sie es nicht schaffen, den Flüchtlingsansturm zusammen in den Griff zu kriegen.

Zugegeben, diese Grenzkontrollen sich meist nur Stichproben. Sie sind keine Dauereinrichtung, sondern vorübergehend. Vielleicht 30 Tage. Vielleicht ein halbes Jahr. Vielleicht irgendwas dazwischen. Wer kann das derzeit schon genau sagen. Und die Grenzkontrollen sind legal, weil das Schengener Abkommen solche Ausnahmen vorsieht. Im Klartext bedeutet das aber: Die Flüchtlinge stören derzeit in Europa die öffentliche Ordnung und die innere Sicherheit. Das ist der Grund, den sich Deutschland und andere Länder zurechtgelegt haben. Was derzeit jedoch noch viel mehr stört, ist Europa selbst.

Mittelalterliche Zeiten in Europa

Was in diesen Tagen in der EU passiert, erinnert an das Mittelalter: Zugbrücken werden hochgezogen, Burgtore verriegelt, Ritter in Stellung gebracht. All das geschieht, weil Länder ihren Nachbarn nicht mehr vertrauen. Deutsche kontrollieren die Grenze zu Österreich, weil von dort Flüchtlinge durchkommen. Österreicher kontrollieren ihre Grenze zu Ungarn, weil von dort her ebenfalls Menschen unregistriert einreisen.

Ungarn setzt der Grenzbewachung die Krone auf, indem die rechtskonservative Regierung nun auch noch einen Grenzzaun zum europäischen Nachbarn Rumänien errichten will. Der Zaun zum Nicht-EU-Land Serbien reicht offenbar nicht aus. Nun laufen alle drum herum. Ungarn könnte sich noch weiter einmauern. Regierungschef Orbán hat es bereits in Brüssel ganz nebenbei fallen lassen, er könne sich auch einen Zaun an der Grenze zum europäischen Nachbarn Kroatien vorstellen, falls von dort aus in Zukunft viele illegale Migranten und Schleuser kämen.

Die Flüchtlinge werden trotzdem kommen

Das Grenze bewachen und Zaun bauen hat einen Effekt: Weniger Flüchtlinge werden kommen, die Bahnhöfe werden wieder leerer sein. Denn die Menschen, die über die Balkanroute flüchten, stauen sich immer weiter zurück - Richtung Südosteuropa.

Aber nur, weil wir die Flüchtlinge dann nicht mehr sehen, bedeutet das nicht, dass sie nicht mehr da sind. Sie sind da. Und sie werden weiter versuchen zu kommen. Das müssen alle EU-Länder endlich verstehen. Und endlich zusammen handeln. Damit Europa nicht zersplittert.

Kommentar: EU - Zersplitterungsgefahr durch Grenzkontrollen
K. Bensch, WDR Brüssel
15.09.2015 19:46 Uhr

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