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Kommentar
Kommentar zum EU-Gipfel
Merkel hat tief in den Abgrund geschaut
Von Martin Bohne, MDR-Hörfunkstudio Brüssel
Man könnte meinen, ein Meisterregisseur habe das Drehbuch geschrieben: Italien und Spanien sind die Gewinner der Euro - und die beiden Länder sind auch die Gewinner beim Brüsseler Gipfelkampf um den Euro. Dies ist zumindest die vereinfachende Sicht auf die Dinge, die immer nur nach Siegern und Besiegten sucht.
Aber vielleicht sollte man besser fragen: Haben wirklich nur die beiden gewonnen? Oder, im Falle der Euro, auch der Sport insgesamt und im Falle des Euro alle, die mit dieser Währung bezahlen? Zugegeben, die Antwort fällt beim Fußball deutlich leichter als bei der Politik. Die Versuchung jedenfalls, Angela Merkel zur großen Verliererin zu erklären, ist groß. Hatte Sie nicht Tags zuvor noch verkündet: "Wir brauchen keine neuen Instrumente zur Euro-Rettung"? Jetzt soll der Euro-Rettungsschirm doch schwache Banken direkt finanzieren und die Staatsanleihen von Krisenstaaten ohne ein strenges Paket von Auflagen aufkaufen können.
Kommentar: Euro-Hilfen mit weniger Kontrolle
M. Bohne, MDR Brüssel
29.06.2012 17:22 Uhr
Der Teufelskreis muss durchbrochen werden
Auch wenn die Bundeskanzlerin erklärt, dass man bestehende Instrumente lediglich präzisiert habe, und sie für diese Sicht viele Paragraphen und Regularien anführt, ist klar: Hilfe gibt es künftig für weniger Kontrolle und die Haftungsrisiken steigen. Die Bundeskanzlerin muss ziemlich tief in den Abgrund geblickt haben, um da mitzumachen. Ihr italienischer Kollege Mario Monti hatte ja in der Tat von der Hölle gesprochen, um die Konsequenzen eines beschlusslosen Gipfels auszumalen. Wer Gegner wie Berlusconi hat, dem kann man so eine drastische Wortwahl sogar nachfühlen. Und im Beschluss der Euro-Regierungschefs ist von einem Teufelskreis die Rede, dem Teufelskreis von schwachen Banken und verschuldeten Staaten, dessen Durchbrechung von ausschlaggebender Bedeutung sei.
Italien und Spanien Gesichtsverlust ersparen
Die neuen Instrumente sind voller Risiken, aber sie sind vielleicht das beste, was man aus den sehr unterschiedlichen Interessen der beteiligten Regierungschefs herausholen konnte. Die außer Kontrolle geratene Zinsspirale für Italien und Spanien zieht den Euro tatsächlich an den Abgrund. Da ist es geradezu geboten, dass man den Regierungen, die wie die in Rom und Madrid einen großen Reform- und Sparwillen unter Beweis gestellt haben, eine gestrenge Troika-Aufsicht und den damit verbundenen Gesichtsverlust erspart. Und man kann in den Gipfelbeschlüssen auch einen Fortschritt hin zu den von der Bundeskanzlerin immer wieder geforderten Durchgriffsrechten der europäischen Ebene sehen. Die Absicht, der Europäischen Zentralbank die Oberaufsicht über Europas Banken zu geben, war vor wenigen Monaten, ja wenigen Wochen noch völlig undenkbar.
Also sind wir doch alle Gewinner beim Brüsseler Gipfel? Euphorie ist da sicher fehl am Platze. Die Fähigkeit zum Zusammenraufen, die Europas Mächtige Donnerstag Nacht gezeigt haben, wird noch viele Male auf die Probe gestellt werden. Aber nur, wenn die Menschen und die Märkte Europas Regierungen glauben, dass sie entschlossen vorgehen wollen, kann der Euro überleben.
Stand: 29.06.2012 17:02 Uhr
