Kommentar

Kommentar Das Rennen ist offen

Stand: 29.10.2009 16:36 Uhr

Von Michael Götschenberg, MDR-Hörfunkstudio Brüssel

Eins steht fest: Auch wenn alle sagen, es sei noch zu früh, um über die Besetzung der künftigen Spitzenposten in Europa zu sprechen - die Gespräche hinter den Kulissen haben längst begonnen. Prognosen über den Ausgang sind dabei ungefähr so seriös wie der Blick in die Glaskugel - die Rechnung enthält so viele Unbekannte, das meist genau so viel für wie gegen einen Kandidaten spricht.

Gesicht Europas oder Frühstücksdirektor?

Zwei Jobs sind zu vergeben: zum einen der des europäischen Außenministers und dann der des EU-Präsidenten, der den Vorsitz haben soll im Kreis der Staats- und Regierungschefs. Spannend ist dabei vor allem die Position des künftigen Präsidenten - ein Amt, das es bisher noch nicht gegeben hat, sozusagen ein Job ohne Jobprofil. Je nach dem für wen man sich entscheidet, könnte er oder sie entweder das Gesicht Europas in der Welt oder aber auch nur Europas ranghöchster Frühstücksdirektor werden.

Und schon da gehen die Meinungen auseinander: Einige meinen, ein zu starker EU-Präsident würde den Regierungschefs die Show stehlen. Auch das Kriterium Geschlecht steht mittlerweile auf der Liste: Wäre es nicht an der Zeit für eine Frau an der Spitze der EU? Die Liste der Kriterien wird immer länger - von Woche zu Woche. Gleichzeitig kommen damit immer mehr Namen ins Spiel. Was aber würde Europa gut tun? Ein Gesicht, das jeder kennt, und zwar innerhalb wie außerhalb der EU. Ein Problem der EU ist, dass man sie so wenig mit Personen identifizieren kann.

Skepsis gegenüber Blair...

Um das Gesicht der EU werden zu können, muss der EU-Präsident aber auch international Gewicht haben. Es muss jemand sein, der mit dem Amerikaner Barack Obama und dem Russen Dimitri Medwedjew auf Augenhöhe reden kann. Männer wie der Niederländer Jan Peter Balkenende sind allenfalls Nebendarsteller auf der internationalen Bühne.

Der Brite Tony Blair wäre zwar ein Hauptdarsteller, aber er wäre in anderer Hinsicht der falsche: Blair steht für alles, was in den vergangenen Jahren schiefgelaufen ist, für entfesselte Finanzmärkte und für den Irakkrieg.

Und er wäre als Brite auch jemand, der immer etwas abseits der EU gestanden hat: Die Briten haben weder den Euro noch haben sie die Grenzkontrollen abgeschafft. Eine europäische Vision hat Blair nie gehabt, und das ist das dritte entscheidende Kriterium: Der EU-Präsident sollte wissen, wo Europa hin will.

...gute Karten dagegen für Juncker

Legt man diese Kriterien zugrunde, kommt man fast zwangsläufig - wie eigentlich immer, wenn es um europäische Spitzenposten geht - auf einen Namen: auf den Luxemburger Jean Claude Juncker. Es gibt wenige, die ein so starkes europäisches Profil haben wie er. Er ist nicht zu stark, dass er den Merkels und Sarkozys die Show stehlen würde. Aber er ist selbstbewusst und er wird respektiert - innerhalb wie außerhalb von Europa. Außerdem ist Juncker ein guter Vermittler zwischen großen und kleinen, neuen und alten in der EU. Sicherlich hat Juncker gute Chancen - aber sicher ist eben zur Zeit nur eins: Das Rennen ist offen.

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