Kommentar

Flaggen Italiens und der EU | Bildquelle: MAXIM SHIPENKOV/EPA-EFE/REX/Shut

Kommentar zur Regierungsbildung EU-Schreckgespenst "Bella Italia"

Stand: 22.05.2018 18:39 Uhr

Ästhetisch anspruchsvoll, aber politisch ein bisschen folkloristisch versponnen - so wird Italien in der EU oft wahrgenommen. Ein Fehler, denn das Land könnte sich zum größten Problem der Union entwickeln.

Ein Kommentar von Ralph Sina, ARD-Studio Brüssel

Bella Italia wird gerne als EU-Mitglied mit rein ästhetischer Bedeutung wahrgenommen: mit einer fast unwirklich schönen Toskana. Den unübertroffenen Touristen-Magneten Rom, Florenz, Venedig und Mailand. Und den Design-Ikonen Ferrari, Prada, Gucci und Brioni. Italien steht in der EU für atemberaubende Schönheit, Eleganz und Erfindungsfreude.

Berlusconi, Regierungschaos und ständige Neuwahlen wurden lange als unwichtige Begleitfolklore und erheiternde Realsatire belächelt - als schwebe Bella Italia über dem trivialen politischen Alltagsgeschäft. Doch jetzt hat Europas Krise Italien endgültig eingeholt: die Flüchtlingsherausforderung und der nationalistische Populismus in allen seinen Facetten - samt Putin-Bewunderung.

Zu groß zum Scheitern

Italien hat keinen Emanuel Macron, der die alten Eliten hinwegfegt und die neuen Rechten in ihre Schranken weist. Und weil Italien ein EU-Charismatiker und Runderneuerer à la Macron fehlt, hat die EU jetzt ein riesiges Problem.

Denn Italien ist nicht nur ein Gründungsmitglied der Europäischen Union, sondern auch die drittgrößte Wirtschaft der Eurozone - zu groß, um scheitern zu dürfen, aber erst recht zu groß, um im Ernstfall an einem Eurorettungsschirm über den Abgrund zu gleiten.

Für Griechenland kann die EU zur Not Rettungspakete schnüren. Und der künftige Eurowährungsfond kann trickreiche Formen des Schuldenerlasses erfinden. Aber für Italien gibt es keine adäquaten Care-Pakete. Sein Schuldenberg ist ein Himalaya in Europa, der ständig wächst, weil Italiens Wirtschaft seit zwei Jahrzehnten stagniert und seine Banken immer noch infiziert sind mit faulen Milliardenkrediten.

Das hässliche Gesicht vom schönen Italien

Italien hat nicht nur keinen Macron. Es führt Macrons Reformideen einer stärker europäisierten Eurozone ad absurdum - spätestens, seitdem Italiens Populisten ihre Forderung nach einer Schuldenunion erst auf äußeren Druck aus ihren Koalitionsvertrag-Entwürfen strichen.

Bella Italia zeigt der EU jetzt ein anderes Gesicht: Weg mit den Flüchtlingen, weg mit den Russland-Sanktionen, weg mit der Schuldenbekämpfung. Und wenn die EU nicht parieren will, dann eben auch weg mit dem Euro.

Der Hochmut rächt sich

Wir können zur Not auch ohne Euch, lautet die Botschaft der italienischen Populisten an Brüssel. Es ist auch eine Quittung für eine EU, die Bella Italia vor allem als ästhetisches Phänomen betrachtete, sich für die Zustände an dessen EU-Außengrenze wenig interessierte und Italiens Sorgen über Afrikas Flüchtlingsstrom jahrelang nicht ernst nahm.

Italiens populistischer Rausch ist nur der Vorbote dessen, was der EU bei der Europawahl in wenigen Monaten bevorsteht. Die künftige Regierung in Rom wird Brüssel zeigen, dass Italien nicht nur ein ästhetisches Phänomen sein kann - sondern auch ohne Berlusconis Regierungsbeteiligung ein erschreckendes.

Kommentar: Italien - neuer EU-Schreck
Ralph Sina, ARD Brüssel
22.05.2018 17:59 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 22. Mai 2018 im "Echo des Tages" ab 18:30 Uhr.

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