Kommentar

EU-Agrarreform Schlecht für die Bauern, schlecht für die Umwelt

Stand: 21.10.2020 18:16 Uhr

Die EU-Agrarminister haben eine große Chance verpasst, die Agrarpolitik sozialer und ökologischer auszurichten. Stattdessen werden weiterhin diejenigen belohnt, die zu billig und zu viel produzieren.

Ein Kommentar von Helga Schmidt, ARD-Studio Brüssel

Subventionen für die Landwirtschaft sind wichtig. Ohne sie könnten die Bauern in Europa keine Lebensmittel erzeugen. Das niedrige Niveau der Weltmarktpreise würde sie erdrücken. Aber die Art und Weise, wie die EU die Subventionsmilliarden mit der Gießkanne auskippt, ist ein Skandal.  

Eine Chance, das zu ändern, haben die Agrarminister verpasst. Ihre Beschlüsse klingen so, als hätten sie noch nie etwas von Artenschwund gehört, nichts von Bodenerosion und Erderwärmung. Weltweit sind rund eine Million Pflanzen und Tierarten vom Aussterben bedroht. Nur ein Viertel der Insektenbestände in Deutschland hat die letzten 30 Jahre Intensivlandwirtschaft überstanden. In den Feldern sieht man Rebhühner und Lerchen nur noch selten.

Keine Antwort auf die Umweltprobleme

Unser Grundwasser ist mit Nitrat belastet, der Einsatz von Pestiziden steigt, der von Antibiotika auch. Alles bekannt seit langem. Aber in den Beschlüssen der Agrarminister findet sich darauf keine einzige Antwort. Stattdessen die vage Ankündigung von allgemeinen Umweltprogrammen, die aber nur für 20 Prozent der Subventionen gelten sollen. Und die außerdem noch um Jahre verschoben werden können.

Was die deutsche Landwirtschaftsministerin dazu bringt, hier von einem Meilenstein zu sprechen, ja, sogar von einem Systemwechsel - rätselhaft. Julia Klöckners Verhandlungsergebnis bedeutet etwas ganz anderes. Der größte Teil der Agrarsubventionen wird auch in den kommenden sieben Jahren die industrielle Landwirtschaft stärken. Mit all den Folgen für die Natur, die wir kennen.

Kleine und mittelständische Unternehmen verlieren

Je mehr Fläche, desto großzügiger kommen die Überweisungen aus Brüssel, dabei bleibt es. Die kleinen und mittelständischen landwirtschaftlichen Betriebe haben das Nachsehen - gleich, ob sie ökologisch wirtschaften oder konventionell.

Wenn Landwirtschaftsministerin Klöckner es ernst meinen würde mit den schönen Worten für die bäuerlichen Familienbetriebe, dann hätte sie bei den Verhandlungen letzte Nacht was für sie tun können. Mit einer Kappungsgrenze bei den Direktzahlungen zum Beispiel, die dafür sorgt, dass es Grenzen nach oben gibt, bei den Subventionen für die großen Landbesitzungen. Davon könnten die kleineren direkt profitieren.

Umsteuern unerwünscht

Europas Agrarpolitik bleibt unsozial, und sie setzt weiter ökonomisch die falschen Anreize. Belohnt wird, wer zu billig und zu viel produziert. Dabei wäre Umsteuern möglich - indem nicht nur 20 Prozent der Agrarsubventionen an Umweltauflagen gekoppelt werden, sondern mindestens die Hälfte.

Und indem es klare Ziele für alle gibt: Weniger Pestizide auf den Ackern, weniger Antibiotika in der Tiermast und vor allem großzügige Belohnung für alle Landwirte, die im Einklang mit der Natur arbeiten. Warum sollten Europas Steuerzahler sonst jedes Jahr 60 Milliarden Euro in die Landwirtschaft stecken?

Kommentar: EU-Agrarreform - Schlecht für die Bauern, schlecht für die Natur
Helga Schmidt, ARD Brüssel
21.10.2020 17:52 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Redaktioneller Hinweis

Kommentare geben grundsätzlich die Meinung des jeweiligen Autors und nicht die der Redaktion wieder.

Über dieses Thema berichtete MDR aktuell am 21. Oktober 2020 um 18:08 Uhr.

Darstellung: