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Kommentar
ESC in Baku
Keine Heile-Welt-Präsentation
Von Heide Rasche, ARD-Hörfunkstudio Moskau, zurzeit in Baku
Und der Verlierer ist: die Regierung von Aserbaidschan. Ihr ist es nicht gelungen, sich und ihr Regime vor den Augen der Weltöffentlichkeit als Hort der Demokratie zu präsentieren. Die Gäste und Beobachter des Eurovision Song Contests in Baku erlebten ein janusköpfiges Land: Auf der einen Seite jede Menge ungemein freundliche, liebenswerte, gastfreundliche Menschen, eine wunderschöne Stadt mit viel Flair und blauem Himmel und auf der anderen Seite eine Regierung, die zwar vollmundig Toleranz predigt, aber die Menschenrechte missachtet, die Opposition unterdrückt, friedliche Demonstranten gewaltsam daran hindert, frei ihre Meinung zu äußern. Eine Regierung, die dank ihres Öl- und Gasreichtums gern gesehener Gast in den führenden Wirtschaftsnationen ist, und die es auf der anderen Seite zulässt, dass Kritiker bespitzelt, bedroht, ermordet werden.
Ungeteilte Aufmerksamkeit des Westens
Alles nur ein Informationskrieg des Westens? Mit Sicherheit nicht. Wer wirklich wollte, konnte in den vergangenen Tagen hier in Baku beide Seiten sehen. Selbst vor den Augen unzähliger internationaler Journalisten scheuten sich die aserbaidschanischen Behörden nicht, gewaltsam gegen Regierungskritiker vor zu gehen. Und das in einem Land, dass eine lange Geschichte von Toleranz und Gastfreundschaft hat. Ein Land, das es verdient hat, eine Regierung zu bekommen, die in freien, ehrlichen Wahlen die Macht erobert.
Trotz allem war es richtig, den Contest nicht zu boykottieren. Nur so bekam die Kaukasusrepublik die ungeteilte Aufmerksamkeit des Westens. Das autoritäre Regime von Staatschef Ilcham Alijew musste erkennen, dass es mit seinen Öl- und Gasmilliarden nicht alles kaufen kann - schon gar keine PR-Berichterstattung einer unabhängigen Presse. Und die Regierungskritiker hatten die Gelegenheit, mit westlichen Vertretern zu sprechen - trotz Ausreiseverbots, zum Beispiel für die führenden Köpfe der Opposition.
Racheaktionen und Repressionen
Die Frage ist, wie es weitergeht. Regierungsvertreter haben der Opposition und den Menschenrechtlern schon einen heißen Sommer angekündigt. Das klingt nach Racheaktionen, weil es die Regierungskritiker geschafft haben, den Traum von einer Heile-Welt-Präsentation des Landes zu zerstören. Das klingt nach noch mehr politischen Gefangenen, mit noch mehr Repressionen. Vor allem im Hinblick auf die Präsidentschaftswahl im kommenden Jahr. Die Clique um Staatschef Alijew wird nicht kampflos die Macht abgeben, die ihr uneingeschränkten Reichtum garantiert.
Jetzt ist es an Europa, die Menschen in Aserbaidschan nicht alleine zu lassen. Anke Engelke hat es bei der deutschen Punktevergabe von der Hamburger Reeperbahn versprochen: Europa beobachtet Euch. Wir sollten dieses Versprechen halten. Die Menschen in Aserbaidschan setzen drauf.
Stand: 27.05.2012 12:24 Uhr
