Kommentar

Erdogan und die NDR-Satire Regierende Selbstherrlichkeit

Stand: 29.03.2016 18:52 Uhr

Die harsche Reaktion des türkischen Präsidenten auf eine NDR-Satire zeugt von fehlender Größe - und zunehmender Selbstherrlichkeit, meint Reinhard Baumgarten. Mit wachsender Macht toleriert Erdogan immer weniger Kritik.

Ein Kommentar von Reinhard Baumgarten, ARD-Studio Istanbul

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan möchte zu den großen Politikern der Welt gehören. Warum nicht? Man wächst mit seinen Ansprüchen und Herausforderungen. Wer aber zu den Großen gehören will, muss wissen, was die Großen darstellen. Der Umgang mit Kritik, Opposition, Satire und Ironie können Kriterien sein, an denen große Politiker gemessen werden.

Wie viel Häme und Spott müssen Angela Merkel, Barack Obama, David Cameron oder François Hollande einstecken? Sie stehen darüber, meistens jedenfalls. Sie erregen sich nicht öffentlich über Witze und spitze Bemerkungen. Sie geben sich diese Blöße nicht, weil sie die nötige politische Größe und Gelassenheit haben, um trotz beißender Kritik und ätzenden Spotts ernst genommen zu werden.

Anzeigen gegen Minderjährige

Mehr als 1800 Anzeigen sind in den vergangenen Monaten in der Türkei wegen Präsidentenbeleidigung erstattet worden - angezeigt wurden auch Minderjährige. Der Botschafter Deutschlands wird wegen eines Beitrags einbestellt, weil Erdogans Politik und Auftreten darin satirisch aufgespießt werden.

Satire darf alles, hat Kurt Tucholsky 1919 noch behauptet. Nein, Satire darf nach Holocaust, zahllosen Massenmorden und unaussprechlichen Verbrechen nicht mehr alles. Aber eines darf Satire ganz sicher noch: zuspitzen und anprangern. Und hier beginnen die Probleme Erdogans mit Satire, die Ausdruck seines Politikverständnisses sind: Ein Präsident wird nicht verspottet, er darf nicht Zielscheibe von Witzen und Ironie sein.

Anspruch der Unantastbarkeit?

Ist es der Glaube an die eigene Unfehlbarkeit? Ist es der Anspruch der Unantastbarkeit? Der türkische Präsident setzt mehr und mehr die Maßstäbe für das, was als richtig und falsch zu gelten hat in seinem Reich. Am Wochenende hat er sich mehrfach öffentlich darüber erregt, dass westliche Diplomaten einem Gerichtsverfahren beigewohnt haben. In dem Prozess geht es laut Anklage um Spionage. In dem Prozess, so die Botschaft der Diplomaten, geht es auch um Meinungs- und Pressefreiheit.

"Wer seid ihr? Was habt ihr dort zu suchen?", fragt Erdogan bissig die Gesandten jener Staaten, in deren Mitte die Türkei aufgenommen werden möchte. Deren schiere Präsenz ist die glasklare Antwort: Sie sind die Abgesandten gemeinsamer Werte und Vorstellungen. Europa spricht dieser Tage nicht oft mit einer Stimme. Im Gerichtssaal von Istanbul haben es die Botschafter der EU-Staaten getan - immerhin. Eine Geste gegenüber regierender Selbstherrlichkeit.

Kommentar - Präsident Erdogan und die Kunst der Diplomatie
R. Baumgarten, ARD Istanbul
30.03.2016 08:21 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 29. März 2016 um 22:32 Uhr

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