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Kommentar Ditib ist zum Problem geworden

Stand: 15.01.2017 13:43 Uhr

Ditib war jahrelang wichtiger Ansprechpartner bei der Integration von Muslimen in Deutschland. Dies ist vorbei, meint Ulrich Pick. Denn der große Moscheenverband folgt stramm dem Erdogan-Kurs und ist so zum Problem geworden. Ausgrenzung wäre dennoch falsch.

Ein Kommentar von Ulrich Pick, SWR

Dass der größte islamische Moscheenverband in Deutschland, die Ditib, im Auftrag des türkischen Religionsministeriums gewisse Besucher ihrer Gotteshäuser ausspionieren ließ, sollte für die deutsche Politik ein unmissverständliches Zeichen sein: Die Ditib ist spätestens seit dem Putschversuch in der Türkei vergangenen Sommer ein Problem.

Denn sie vertritt unzweideutig die Politik von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan. Wer sich ein Bild davon machen möchte, sollte die Internetseite des Moscheenverbandes besuchen und nachlesen, wie dort die Bewegung des Predigers Fetullah Gülen beurteilt wird. Sie wird nicht nur ohne genaue Angaben von Hintergründen eine "Terrorgruppe" genannt, sie wird auch als - so wörtlich - "Geheimbewegung, die keinerlei Moral enthält" bezeichnet, und - ebenfalls wörtlich - eine "krankhafte Struktur" hat. Solch eine Beschreibung darf man, auch wenn man kein Freund der Gülen-Bewegung ist, als starken Tobak bezeichnen.

Immerhin sind Präsident Erdogan, das türkische Religionsministerium, die Ditib und die Gülen-Bewegung vor nicht allzu langer Zeit noch Hand in Hand gegangen.

Viel Geld aus Ankara

Gerade dieser Kurswechsel sollte deutsche Politiker aufhorchen lassen. Die Ditib war jahrelang der wichtigste Ansprechpartner, wenn es um Fragen der Integration von Muslimen ging. Sie war dialogfreudig, aufgeschlossen für die hiesige Gesellschaftsordnung und vertrat einen Islam, der keinesfalls radikal ist. Letzteres tut sie heute immer noch.

Doch ob sie nach wie vor die Ziele und Vorstellungen einer offenen, westlich-orientierten Gesellschaft vertritt, darf mittlerweile bezweifelt werden. Denn dass die Imame in den knapp 1000 Ditib-Moscheen von jenem Religionsministerium in Ankara bezahlt werden, das allem Anschein nach zum Bespitzeln aufgerufen hat, ist ein wirkliches Problem und zeigt, wie die Ditib tickt. Wie heißt es so schön: "Wes‘ Brot ich ess‘, des Lied ich sing".

Ditib muss Abhängigkeit beenden

Wenn es also künftig um Themen wie "Islamischer Religionsunterricht", "muslimische Wohlfahrtsverbände" oder gar "Staatsverträge mit Moscheevereinen" geht, ist falsche Toleranz fehl am Platz. Auch wenn die Integration von Muslimen einen hohen gesellschaftlichen Stellenwert hat und die islamischen Verbände als Gesprächspartner wichtig sind, müssen die Politiker in Bund und Ländern darauf achten, dass sie das Heft in der Hand haben und nicht Leute, die im Konfliktfall die Linie Ankaras fahren. Zudem sollten sie die Ditib drängen, endlich ihre Abhängigkeit von den türkischen Behörden zu beenden. Denn sie ist es, die echte Integration untergräbt.

Ein Drahtseilakt

Gleichzeitig sollte die Ditib trotz der momentan widrigen Umstände nicht ausgegrenzt werden. Sie ist nämlich, ob man es gut findet oder nicht, ein wichtiger Faktor, wenn es um den Islam in Deutschland geht. Immerhin vertritt sie rund 1000 der insgesamt 2300 hiesigen islamischen Gotteshäuser. Diese recht hohe Zahl an Moscheen sowie ihre Besucher sollten nicht verteufelt werden. Denn dann könnte eine Art gesellschaftlich-religiöses Vakuum entstehen und die Schwierigkeiten, die es bereits gibt, noch größer werden. Für die Politik bedeutet dies alles einen Drahtseilakt, bei dem Klarheit, Kompetenz und Kommunikationsgabe gefordert sind.

Wie umgehen mit Ditib? Ein Kommentar von Ullrich Pick, SWR
U. Pick, SWR
15.01.2017 13:26 Uhr

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Über dieses Thema berichtete WDR 5 am 16. Januar 2017 um 07:20 Uhr.

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