Kommentar

Ein Polizist und ein Spürhund im Signal-Iduna-Park, Spielstätte von Borussia Dortmund | Bildquelle: dpa

BVB-Spiel nach Anschlag Genauso falsch wie richtig

Stand: 12.04.2017 15:45 Uhr

Fußballprofis nach einem Anschlag vor ein Millionenpublikum zu schicken, ist einerseits unverantwortlich. Auf der anderen Seite ist eine Austragung der Begegnung alternativlos, meint Steffen Simon. Eine Absage wäre ein symbolischer Triumph für die Bombenleger.

Ein Kommentar von Steffen Simon, WDR

Wenn ein Fußballer verletzungsbedingt bei einem Spiel fehlt, wird stets der Grund dafür angegeben. Beim Spanier Marc Bartra wird erstmals in der Geschichte des deutschen Fußballes "wegen der Folgen eines terroristischen Anschlags" stehen.

Das Spiel zwischen Borussia Dortmund und dem AS Monaco heute Abend nachzuholen ist genauso falsch wie richtig.

Beim Anpfiff war der Bombenanschlag auf den BVB-Mannschaftsbus keine 24 Stunden her. Die Dortmunder Spieler werden sich kaum von ihrem Schock erholt haben. Sie in diesem Zustand vor ein Millionenpublikum zu schicken, ist in gewisser Weise unverantwortlich. Borussen-Präsident Reinhard Rauball, der gleichzeitig als solcher auch der DFL vorsteht, sagte unter dem ersten Eindruck der Geschehnisse, "das sind Profis, die können das wegstecken". Rauballs Bild vom Berufsfußballer ist in so einem Moment eher klassisch geprägt.

Moderne Profis reagieren anders

Der Hamburger Ex-Nationalspieler Manfred Kaltz verlor im Herbst 1978 seine vierjährige Tochter. Beim nächsten Spiel des HSV in Duisburg stand er auf dem Platz. Moderne Profis reagieren im Gegensatz zu vielen ihrer Vorgänger auf äußere Einflüsse sehr viel sensibler, sind bei persönlichen Schicksalsschlägen deutlich schutzbedürftiger. Viele leben in einem sozialen Kokon, der sie von der wirklichen Welt abschirmt. Terror kommt darin nicht vor. Es würde nicht überraschen, wären die Dortmunder ihren Gegnern aus Monaco heute deutlich unterlegen. Wie soll man ein europäisches Viertelfinale gewinnen, wenn man gleichzeitig noch hinter jedem Busch eine Bombe vermutet?

Auf der anderen Seite ist eine Austragung der Begegnung alternativlos. Der Fußball ist der letzte funktionierende Kitt in unserer Gesellschaft. Er verbindet uns über Generationen, Religionen und sozialen Gräben hinweg. Er ist schon lange keine Nebensache mehr. Deshalb trifft uns der Anschlag so sehr, bewegt er die Menschen in unserem Land, obwohl vergleichsweise weniger passiert ist, als bei anderen schrecklichen Ereignissen dieser Art zuvor.

Ein Zeichen freier Menschen

Würde man die Dortmunder heute nicht spielen lassen, könnte man es am Samstag gegen Frankfurt schon verantworten? Oder erst nach einer Woche? Einem Monat? Klar ist: Zieht man jetzt zurück, sagt alles ab, wäre es für die oder den Bombenleger ein grandioser Triumph von großer symbolischer Kraft. Deshalb ist es heute mehr als nur ein Fußballspiel. Es ist ein Zeichen freier Menschen, die nicht bereit sind, sich ihre freie und demokratische Art miteinander zu leben und sich im friedlichen sportlichen Wettbewerb zu messen, kaputt bomben zu lassen.

Von einem Borussen wird dies übrigens bereits zum zweiten Mal verlangt: Matthias Ginter stand am 13.11.2015 in Paris gegen Frankreich auf dem Feld, als vor dem Stade de France die Bomben der Selbstmordattentäter zündeten, verbrachte eine bange Nacht in den Katakomben des Stadions und trat eine Woche später beim nächsten Bundesligaspiel in Hamburg wieder an. Dortmund verlor 1:3. Ginter erhielt im Kicker die Note 5.

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 12. April 2017 um 17:00 Uhr.

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