Kommentar

Feuer in Australien Im Zweifel geht es um die Kohle

Stand: 02.01.2020 14:33 Uhr

Wohl kein Industrieland spürt die Folgen des Klimawandels so deutlich wie Australien. Der Unmut gegen die Politik der Regierung nimmt zu. Doch dieser ist die Kohle wichtiger als das Klima.

Ein Kommentar von Holger Senzel, ARD-Studio Singapur

So weit das Auge blickt, lodernde Flammen vor einem orangeroten Himmel. Dichter Rauch verdunkelt den Tag. Ruf doch endlich mal einer die Feuerwehr, möchte man sagen. Aber die ist schon da. Fast 10.000 Firefighter kämpfen verzweifelt gegen die Feuersbrünste und stehen doch oft auf verlorenem Posten. Sie müssen hilflos zuschauen, wenn ganze Dörfer niederbrennen - seit Oktober schon. Wie es weitergeht an Australiens Feuerfront, weiß im Wortsinn nur der Himmel - denn ohne starken Regen haben die Brandbekämpfer wenig Chancen, der Katastrophe Herr zu werden.

In Australien gab es schon immer Buschfeuer, sagt die Regierung mit ihrem Premier Scott Morrisson im größten Kohleexportland der Welt. Mit dem Klimawandel habe das nichts zu tun. Natürlich nicht - und die Erde ist eine Scheibe.

Größter Treibhausgasausstoß pro Kopf

Keine Nation hat einen größeren Treibhausgasausstoß pro Kopf als Australien. Das sonnenreiche Land produziert den meisten Strom mit Kohle. Es geht um viele Milliarden Dollar und Zehntausende Arbeitsplätze und deshalb gab es wohl nirgendwo mehr Klimaleugner als in Down Under - und das, obwohl kein Industrieland die Folgen des Klimawandels stärker spürt. Das Weltkulturerbe Great Barrier Reef geht an Meereserwärmung zu Grunde. Sintflutartige Regenfälle und Überschwemmungen auf der einen und extreme Dürren auf der anderen Seite. Knochentrockener Untergrund, über 40 Grad Hitze und sturmartiger Wind - der ideale Brandbeschleuniger.

Die Feuer sind so gewaltig, dass sie sogar ihr eigenes Wetter erzeugen. Feuerwolken aus Asche, Ruß und Wasserdampf, in denen sich Gewitter bilden, die Blitze schleudern und neue Brände erzeugen. Wenn es nicht zynisch wäre, und nicht zu viele Menschen darunter litten, würde man sagen, es ist die Strafe für Morrissons Ignoranz.

Premier: Politik nicht auf Kosten der Wirtschaft ändern

Nun sind es längst nicht mehr nur Wissenschaftler, die warnen, und Schüler, die protestieren - die der Premier bis vor kurzem als grüne, weltfremde Spinner abtat. Es sind auch Männer und Frauen der Praxis, Feuerwehrleute und Wildhüter, die sagen: Es wird immer schlimmer mit den Dürren und die Sommer immer heißer - und wir müssen dringend handeln. Denn über kurz oder lang wird auch das Wasser knapp.

Er nehme das ernst, sagte Premierminister Morrisson. Er werde seine Politik aber nicht auf Kosten der Wirtschaft ändern. Der zunehmende Unmut bei den Australiern und die Proteste zeigen aber auch, dass er damit auf Dauer nicht durchkommen wird - weil das Thema zu drängend ist.

Wann kommt die Politik zur Vernunft?

Die Frage ist, wie viel von Australien noch abbrennen muss, bevor die Politik zur Vernunft kommt. Wes Geistes Kind Politiker in Australien zuweilen sind, zeigte sich gerade erst an Silvester in Sydney. Seit Wochen stöhnen, keuchen und husten die Bewohner der Stadt unter dichtem Qualm, weil vor den Toren der Millionenstadt die Feuer toben. Man möchte nicht wissen, wie hoch die Feinstaubbelastung ist.

Aber Feuerwerk musste trotzdem sein, weil das Spektakel 130 Millionen Dollar in die Stadtkasse schwemmt. Im Zweifelsfall geht es in Australien eben immer zuerst um Kohle.

Kommentar: Kohle, Ignoranz und Feuersbrunst
Holger Senzel, ARD Singapur
02.01.2020 14:06 Uhr

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