Kommentar

Konferenz für Minderheiten Eine buntere Bundeswehr muss her

Stand: 31.01.2017 05:44 Uhr

Inmitten eines Skandals um sexuelle Nötigung in der Bundeswehr will Verteidigungsministerin von der Leyen Minderheiten in der Truppe eine Plattform bieten. Ein guter Vorstoß, doch die Sprechverbote für Soldaten sollten aufgehoben werden.

Ein Kommentar von Christian Thiels, tagesschau.de

Respekt fordert Ursula von der Leyen für alle Angehörigen der Bundeswehr und das - wie sie selbst sagt - "egal woher sie kommen, egal, wen sie lieben, egal, an was oder wen sie glauben".

Klingt wie eine Selbstverständlichkeit, ist es aber augenscheinlich nicht. Auch in den Streitkräften gibt es nach wie vor unsägliche Sprüche, dumme Anmachen und Ressentiments - gegen Frauen, Homosexuelle oder Menschen mit Migrationshintergrund. Auch da ist die Bundeswehr - leider - ein Spiegel der Gesellschaft.

Gewaltexzesse am Standort Pfullendorf

Die Ereignisse in Pfullendorf, wo es in der Ausbildung offenbar auch sexistische, demütigende und entwürdigende Praktiken bis hin zur sadistischen Quälerei gab, zeigen, wie sinnvoll und offenbar bitter nötig es ist, dass in der Bundeswehr mehr Bewusstsein für Vielfalt und respektvollen Umgang miteinander geschaffen wird.

Es mag kein Zufall sein, dass der Skandal in Pfullendorf erst jetzt in den Medien auftauchte - fünf Monate nachdem er passiert ist und genau passend unmittelbar vor von der Leyens heftig kritisiertem Workshop über die sexuelle Orientierung innerhalb der Armee.

Die Ministerin, ganz Politprofi, kann sich jetzt jedenfalls als Aufklärerin präsentieren - es würde verwundern, wenn kein Kalkül dahinter steckte.

Bundeswehr muss toleranter werden

Dennoch: Der Workshop, den sie ihrer Bundeswehr verordnet hat, ist richtig. Die tarngefleckte Truppe darf und sollte gerne etwas bunter werden. Dieses Ziel als abwegig abzutun, mutet kleinmütig und ziemlich gestrig an.

Es gibt vieles, das man an von der Leyen kritisieren kann, etwa die schleppende Umsetzung ihrer vollmundig verkündeten Reformen. Aber der Versuch, die Bundeswehr zu einer toleranteren und gesellschaftlich moderneren Armee zu machen, gehört wahrlich nicht dazu.

Glücklicherweise sind die Zeiten vorbei, in denen von der Leyens männliche Amtsvorgänger solche vermeintlich "weichen" Themen als Gedöns abtaten.

Sprechverbote - der falsche Weg

Doch wenn die Ministerin wirklich glaubwürdig sein will, dann sollte sie auch schnell den geplanten Verhaltenskodex für die Bundeswehr einstampfen.

Der nämlich sieht strenge Restriktionen für den Kontakt zu Abgeordneten und Journalisten vor. Als Maulkorberlass wird das nicht ganz zu Unrecht von vielen Soldaten verstanden. Der Wehrbeauftragte hält den Kodex gar für gänzlich überflüssig und wertet ihn als Misstrauensvotum für die Truppe.

Wenn man will, dass Missstände wie in Pfullendorf schnell ans Tageslicht kommen, wenn man die Bundeswehr moderner machen will - auch, um dumpfen Vorurteilen und indiskutablen Sexismus den Kampf anzusagen, dann sind Sprech- und Kontaktverbote der falsche Weg.

Attraktiver durch offene Unternehmenskultur

Und man darf auch nicht mit allen rechtlichen Konsequenzen drohen, wenn jemand mal am Dienstweg vorbei die Öffentlichkeit sucht. Im Gegenteil: Eine offene Kommunikation der Bundeswehr und ihrer militärischen wie zivilen Mitarbeiter mit der Gesellschaft muss Ziel von Streitkräften in der Demokratie sein.

Und ganz nebenbei: Die Truppe, die große Schwierigkeiten hat, geeigneten Nachwuchs zu gewinnen, könnte nicht nur durch einen respektvollen und toleranten Umgang ihrer Angehörigen untereinander punkten, sondern durch eine offene Unternehmenskultur womöglich auch als Arbeitgeber an Attraktivität gewinnen.

Redaktioneller Hinweis

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Über dieses Thema berichtete das nachtmagazin am 24. Januar 2017 um 00:30 Uhr.

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