Kommentar

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier | Bildquelle: REUTERS

Bundespräsident Steinmeier Der wichtigste Mann in Berlin

Stand: 21.11.2017 19:58 Uhr

Nach dem Aus für eine mögliche Jamaika-Koalition sind alle Augen auf Bundespräsident Steinmeier gerichtet. Seine Aufgabe, potenzielle Partner für eine Regierungskoalition zusammenzubringen, ist nur schwer zu lösen, meint Katrin Brand. Doch es sei ihm zuzutrauen.

Ein Kommentar von Katrin Brand, WDR

"Stell Dir vor, Du bist Bundespräsident, und keiner schaut hin." - Dieses Gefühl könnte Frank-Walter Steinmeier aus den vergangenen Monaten kennen. Er hat bei der Klimaschutzkonferenz gesprochen, bei der Verleihung des deutschen Umweltpreises und zum Todestag von Hanns Martin Schleyer. Er hat Australien, Griechenland und Sachsen besucht. Er hat Tausende Ehrenamtler zum Bürgerfest ins Schloss Bellevue eingeladen. Er hat gemacht und getan, aber was musste er über sich lesen: Er sei ein Mann mit Amt, aber ohne Aufgabe. Er sei blass, und überhaupt sei er den Außenminister in sich nie losgeworden.

Ja, so ist das, wenn jemand zum Bundespräsidenten wird, der seit Jahrzehnten zur deutschen Politikspitze gehört. Man glaubt, ihn schon zu kennen. Man meint, alles schon einmal gehört zu haben, und traut dem Neuen auch gar nichts Überraschendes zu.

Kluge Einordnung des Wahlergebnisses

Immerhin! Mit seiner Rede zum 3. Oktober gelang dem Präsidenten etwas, das seine Kritiker überraschte: eine kluge Einordnung des Wahlergebnisses, das beide - die Wähler und die Gewählten - in die Pflicht nahm.

Zwei Monate später ist er selbst in der Pflicht und muss sich nie wieder Gedanken über seinen Platz im Geschichtsbuch machen, denn der ist ihm ohne sein Zutun sicher. Er wird für immer der erste Präsident sein, der aktiv dafür sorgen musste, dass Deutschland eine Regierung erhält.

Vermeintlicher Langweiler - akribischer Arbeiter

Und plötzlich wird auch seinen Kritikern klar, dass es für diesen Job kaum einen besseren geben kann als Steinmeier. Der vermeintliche Langweiler ist nämlich ein akribischer Arbeiter. Dass wir ihn so lange kennen, macht ihn vertrauenswürdig. Und wenn er seit Jahrzehnten zur Politik-Elite gehört, heißt das: Ihm macht in Sachen Taktik und Verhandlungsgeschick so schnell keiner was vor.

Bundespräsident Steinmeier | Bildquelle: REUTERS
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Steinmeier will Neuwahlen verhindern. Der Präsident ist damit weit und breit der einzige, der den Wählerwillen wirklich ernst nimmt.

Eine schöne Wende also für Steinmeier und sein Ego. Aber wird das reichen, um die Bewährungsprobe, wie Parlamentspräsident Wolfgang Schäuble sie genannt hat, zu stemmen?

Steinmeier will Neuwahlen verhindern. Das hat er klar gesagt. Dafür muss man ihn feiern. Denn der Präsident ist damit weit und breit der einzige, der den Wählerwillen wirklich ernst nimmt.

... und alle schauen dich erwartungsvoll an

Die Aufgabe aber ist schwer zu lösen. Er muss die Unwilligen aus ihrer Schmollecke holen. Er muss die vermeintlich Willigen auf ihre Ehrlichkeit abklopfen. Er muss herauskitzeln, ob die Chefin noch Führungskraft besitzt. Er darf seine alte Partei, die SPD, nicht schonen und sich an seiner alten Rivalin Angela Merkel nicht rächen. All das ist ihm zuzutrauen. Ob es uns am Ende eine gute Regierung bringt, ist eine andere Geschichte.

"Stell Dir vor, Du bist Bundespräsident, und alle schauen dich erwartungsvoll an." Steinmeier ist nun der wichtigste Mann in Berlin.

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Über dieses Thema berichtete WDR5 am 22. November 2017 um 07:16 Uhr.

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