Kommentar

Kampf gegen Terrorismus Nicht in die Falle tappen

Stand: 29.03.2016 09:37 Uhr

"Wir befinden uns im Krieg", "Belgien ist ein Versager-Staat", "Die Muslime sind böse" - vor diesen Phrasen zur Erklärung der Anschläge in Brüssel warnt unser Brüsseler Korrespondent in seinem Kommentar. Er appelliert, sich den wahren Ursachen für den Terror zu stellen.

Ein Kommentar von Kai Küstner, ARD-Studio Brüssel

Wer die Terroristen bezwingen will, muss sich zunächst vor einem hüten: Den Phrasen-Dreschern zu erliegen, die jetzt einfache Antworten geben. "Wir befinden uns im Krieg" lautet die erste, die uns weismachen will, Terror ließe sich verhindern, wenn man nur genug Soldaten aufmarschieren und Spezial-Kommandos Wohnungen durchsuchen lässt.

"Belgien ist ein Versager-Staat", lautet eine andere. Nun hat die Polizei hier vor der Attacken wirklich haarsträubende Fehler begangen. Aber: Haben die mächtigen USA den 11. September kommen sehen? Oder die Franzosen Paris? Und was die Deutschen betrifft, so dürften drei Buchstaben genügen, um jede Kritik im Keime zu ersticken: NSU.

Richtig ist, dass Belgiens Geheimdienst über Jahrzehnte hoffnungslos unterfinanziert war und daher nun noch immer überfordert scheint. Wenn Europa es mit dem "Islamischen Staat" aufnehmen will, braucht es nicht gleich Armeen von James Bonds, aber fähige Spione, die sich in der Islamisten-Szene auskennen.

Die Angst-Falle

Fast noch wichtiger aber ist: Nicht in die Fallen tappen, die Terroristen uns mit jedem Anschlag stellen. Falle Nummer eins trägt die Aufschrift "Angst": Wenn wir uns jetzt verkriechen, unsere Demokratien verbiegen und unsere Kinder nicht mehr auf die Straße lassen, haben wir schon verloren.

Bei Falle Nummer zwei wären wir wieder bei den "Phrasen-Dreschern": Zu wahren Jubelstürmen dürften den IS die Äußerungen der Trumps und Orbans dieser Welt hinreißen, die wahlweise alle Muslime oder aber alle Flüchtlinge zum personifizierten Bösen erklären. Damit bestätigen sie unbewusst jene Lügen, die Terroristen von Al Kaida bis hin zum IS seit Jahren ihrem Nachwuchs einimpfen wollen: Dass der Westen nämlich doch den Islam bekämpft und nichts Anderes als dessen Demütigung im Schilde führt.

Es hilft alles nichts. Belgien, Europa, auch die USA müssen sich den wahren Ursachen des Terrors stellen: einer frustrierten Jugend in ihren Großstädten zum Beispiel. Und sie dürfen im Irak und Syrien nicht die fatalen Fehler der Vergangenheit wiederholen. Denn: Harmlos sind Terroristen genau dann, wenn sie keine werden. Nur so lassen sie sich besiegen.  

Kommentar: Eine Woche nach dem Terror in Brüssel
K. Küstner, ARD Brüssel
29.03.2016 08:16 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandradio Kultur am 29. März 2016 um 07:15 Uhr.

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